Ökologische Zerstörung am Straßenrand

Kahlschlag statt Hecken und Wildblumen an Deutschlands Straßenrändern

Wer mit offenen Augen auf deutschen Straßen unterwegs ist, kann es in den letzen Jahren kaum übersehen: landauf, landab dasselbe Bild an den Straßenrändern: Wo früher (aus Steuermitteln gepflanzte!) Hecken die Autobahnen, Bundes- und Landstraßen aus gutem Grund von angrenzenden Feldern oder Siedlungen trennten, herrscht heute – abgesehen von ein paar Bäumen – oft nur noch Kahlschlag.Wo früher am Straßenrand Wildblumen wuchsen, eine wichtiger Lebensraum auch für seltene Pflanzen und Tiere, ziehen sich heute über Tausende von Kilometern mehrere Meter breite Streifen mit „sauber“ abgemähtem Gras in Golfrasenhöhe durch das Land.

Hier sind zwei Beispiele aus Sachsen-Anhalt zu sehen, die für viele stehen. Diese Entwicklung war Grund genug für den Naturgarten e.V., sich auf seiner letzten Mitgliederversammlung in Grünberg mit einer Entschließung an die Umwelt- und Verkehrsministerien der Länder und des Bundes zu wenden und ein Umdenken zu fordern. In dieser Entschließung heißt es u.a.: "Eine sachliche Notwendigkeit für diese radikalen Eingriffe und Zerstörungen ist nicht erkennbar, denn jahrzehntelang sah es an den Straßenrändern anders aus, standen dort Hecken, blühten neben der Fahrbahn Gräser und Wildblumen, ohne daß der Verkehr in irgendeiner Weise erkennbar beeinträchtigt worden wäre.In einer Zeit leerer öffentlicher Kassen stellt sich über den ökologischen Schaden hinaus die Frage, wie die Verschwendung von Arbeitszeit und Material und damit Steuergeldern in einem gigantischen Ausmaß zu rechtfertigen ist."

Inzwischen liegen immerhin sieben Antworten von Ministerien bzw. Landesämtern vor (die vollständigen Schreiben sind hier zu finden), die übrigen Länder und die Bundesministerien haben den Brief nicht beantwortet. Den meisten Antworten gemeinsam ist, daß zunächst noch einmal die Wichtigkeit der Bepflanzung an Straßenrändern, aber auch die Notwendigkeit von Pflegemaßnahmen im Sinne der Verkehrssicherheit betont wird – zwei Gesichtspunkte, denen auch niemand widerspricht. Wenn es dann aber um mögliche Fehler bei der „Pflege“ und die nie vorher dagewesene Radikalität der Eingriffe seit etwa fünf Jahren geht, bestimmen in einigen Antworten Floskeln den Stil, und die eigentliche Frage nach dem Grund für die radikalen Veränderungen der letzten Jahre bleibt unbeantwortet: So weist das nordrhein-westfälische Ministerium für Bauen und Verkehr darauf hin, das Auf-den-Stock-Setzen von Gehölzen sei „eine fachlich anerkannte Methode zur Verjüngung von Gehölzbeständen und beinhaltet keineswegs eine restlose Beseitigung, wie oft in Unkenntnis der fachlichen Hintergründe unterstellt wird.

Und beim Freistaat Sachsen-Anhalt entsteht durch die Entschließung „der Eindruck, daß Sie die Arbeiten und Aufgaben der auch für die Pflegeleistungen an Bäumen und Sträuchern ausgebildeten Mitarbeiter der Meistereien falsch einschätzen.“ Und dann folgt noch die Einladung zur Betriebsbesichtigung einer Straßenmeisterei…

Eingeräumt wird immerhin, daß wirtschaftliche und nicht ökologische Gesichtspunkte das tägliche Handeln bestimmen: So heißt es z. B. im Schreiben des nordrhein-westfälische Ministeriums für Bauen und Verkehr weiter: „Insbesondere auf Bundesautobahnen und stark frequentierten Bundesstraßen steht [...] bei der Durchführung dieser Arbeiten der wirtschaftliche Aspekt eindeutig im Vordergrund. Hierzu trägt ein konsequenter Maschineneinsatz mit entsprechender Tagesleistung bei. Leider läßt es sich nicht vermeiden, daß es bei der Anwendung dieser Technik zu unsauberen Schnitten und Rißwunden an den Gehölzen kommt, was jedoch aus o. g. Gründen in Kauf genommen werden muss.“

In Bayern gibt es laut Mitteilung des Bayerischen Staatsministeriums des Innern immerhin „Vorläufige Hinweise für die Anlage und Unterhaltung der Rasenflächen an Straßen nach ökologischen Grundsätzen“ (von 1988), die in das derzeit auf Bundesebene in Überarbeitung befindliche „Merkblatt für den Unterhaltungs- und Betriebsdienst an Straßen“ einfließen sollen. Für eine Änderung der „bisherigen Praxis zur Pflege von Straßenbegleitgrün nach einem ausgewogenen ökologischen sowie ökonomischen Verhältnis“ sehe man „keinen Anlaß“, da sich diese bewährt habe. Wer allerdings gerade auf bayerischen Autobahnen unterwegs ist, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß diese „Ausgewogenheit“ doch sehr zu Lasten der Ökologie geht. Im Spessart z. B. sind in den letzten Jahren kilometerweit alle Gehölze auf dem (breiten!) Streifen zwischen den beiden Autobahntrassen vollständig entfernt worden.Der Landesbetrieb Straßenwesen des Landes Brandenburg beschreibt im wesentlichen die bekannten Unterschiede zwischen intensiver und extensiver Pflege im Straßen(rand)bereich, räumt allerdings ein, daß sich „solche, wie von Ihnen geschilderten Fälle nicht ganz ausschließen“ lassen. Zur Sensibilisierung für die Belange der Grünpflege würden die Mitarbeiter seit Jahren geschult. Leider wird in diesem Schreiben nicht mitgeteilt, welche Rolle ökologische Gesichtspunkte in diesen Schulungen spielen. 

Aber es gab auch erfreuliche Reaktionen: So macht das sächsische Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit in seinem Schreiben zwar zunächst deutlich, daß sich die Belange der Grün- und Gehölzpflege an Straßen an der Hauptaufgabe der Straßenbauverwaltung auszurichten hätten (Verkehrsfluß und –sicherheit, Funktionsfähigkeit und Erhalt der Anlagen). Allerdings werde schon aus wirtschaftlichen Gründen darauf geachtet, den Aufwand für die Grünpflege möglichst gering zu halten; im Bankettbereich (also unmittelbar neben der Fahrbahn) werde daher höchstens zweimal im Jahr, im anschließenden Böschungsbereich nur einmal im Jahr, teilweise auch in mehrjährigen Abständen gemäht. Wenn dem in der Praxis wirklich so sein sollte, wäre allein das schon ein wichtiger Beitrag im ökologischen Sinne. Wir werden uns auf den sächsischen Straßen umschauen…Und noch ein positiver Zug: Das Schreiben schließt mit der Bitte, dem Ministerium bekanntgewordene Regelwerksverstöße mitzuteilen, um diese dann im Einzelfall klären zu können.

Und es gab noch weitere positive Reaktionen: Das Ministerium für Bau und Verkehr des Freistaates Thüringen schreibt: „[...] ich habe Ihre Hinweise aufgegriffen und sie dem Thüringer Landesamt für Straßenbau mit der Bitte um Berücksichtigung übergeben.“ Und das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung antwortet mit ähnlicher Weise: „[…] Ich habe die hessische Straßen- und Verkehrsverwaltung gebeten im Rahmen des Betriebsdienstes Ihre Vorschläge in die Grün- und Gehölzpflege einfließen zu lassen.“ Es bleibt zu hoffen, daß diesen Worten in der Praxis der Straßenmeistereien auch entsprechende Taten folgen.Beispiele vor allem für die zunehmende Zerstörung von Hecken (nicht nur an Straßen) und Protest-Postkarten zum Ausdrucken bzw. Herunterladen sind zu finden unter www.heckenzerstörung.deDer Naturgarten e.V. wird die Entwicklungen weiter im Auge behalten.

Bilddokumentation

[Hinweis: Die Fotos sind in ganz Deutschland entstanden und stehen nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit den zitierten Ministerien oder Ländern.]