Zweitblüte durch Rückschnitt
Dr. Reinhard Witt, D - Ottenhofen
Der zweite Frühling
Der radikale Sommerrückschnitt nach der Blüte wirft die Blütenpflanzen auf die Frühlingssituation zurück: Alle Kräfte werden mobilisiert, um die Blüte rechtzeitig hinzukriegen. Schließlich ist das evolutive Ziel jeglichen Pflanzenwachstums die Vermehrung, meist über Samen. Doch davor muss erst einmal geblüht werden. Der Hormonhaushalt der Blume wird so umgestellt, dass Blattwachstum und Wurzelmassenbildung vorerst zurücktreten. Blütenhormone forcieren das Überlebenswichtigste, die Blütenbildung. Erst nach der Blüte stellt der Organismus um und legt ein anderes Programm ein: Samenproduktion. Notfalls werden jetzt sogar Reservestoffe aus den Blättern geholt, die dadurch vergilben.
Indem wir die verwelkten Blüten nach und nach oder alle auf einmal wegknipsen, wiederholen wir einen natürlichen Pflegevorgang, der zu großer Vielfalt und Schönheit unserer Landschaft beiträgt. Die Vielfalt wird deswegen höher, weil auf den Rückschnitt die zweite Blüte folgt. Etwas schwächer, als die erste, aber immerhin.
Die Zweitblüte ist aber nicht nur eine Augenweide, sondern auch ein ökologische Bereicherung für die Tierwelt. Unverhofft sehen sich Blütenbesucher einer zweiten Flugsaison gegenüber. Das lohnt.
Der Rückschnitt-Trick ist übrigens jedem Zierpflanzengärtner bekannt. Er wird mit gutem Erfolg bei Balkonblumen angewendet, bei Gartenrosen, Rhododendren, u.v. mehr. Allerdings hier auch mit dem Ziel, dass keine Kraft in unnütze Samenbildung investiert wird.
Die Samenproduktion ist ein hingegen gerade ein zentrales ökologisches Merkmal der Wildpflanzengärtnerei. Deshalb darf und soll die Pflanze Nachwuchs ausbilden. Entweder als Vogelfutter für den Winter. Oder zur Freude und Bereicherung des Wildpflanzengarten und -gärtners. Aber erst nach der zweiten Blüte. In jedem Fall muss noch genug Zeit bleiben. Da die Blütenneubildung zwischen sechs und acht Wochen dauert und die Samenbildung ebenfalls, können wir leicht zurückrechnen, wann der Rückschnitt günstig ist: Mitte bis Ende Juni.
Interessanterweise liegt hier genau der traditionelle Schnitttermin für die erste Blumenwiesenmahd. Was nur zeigt, dass die traditionelle Landwirtschaft der ungedüngten, extensiv genutzten Wiesen noch in Einklang mit der Natur stattfindet.
Zweitblüte durch Rückschnitt
Folgende Arten lassen sich durch Entfernen der Blüten im Früh- und Hochsommer (Juni/Juli) zu einer zweiten Blütebildung anregen. Die Zweitblüte fällt etwas schwächer aus, führt aber noch zur Produktion fruchtbarer Samen. Unvollständige Aufzählung. Weitere Arten selbst erproben.
Ajuga reptans Kriechender Günsel
Anthemis tinctoria Färberkamille
Anthyllis vulneraria Gewöhnlciher Wundklee
Buphthalmum salicifolium Ochsenauge
Calamintha acinos Gewöhnlicher Steinquendel
Campanula patula Wiesenglockenblume
Campanula rotundifolia Rundblättrige Glockenblume
Centaurea jacea Wiesenflockenblume
Centaurea scabiosa Sakbiosenflockenblume
Clinopodium vulgare Wirbeldost
Cymbalaria muralis Zimbelkraut
Dianthus carthusianorum Karthäusernelke
Dianthus deltoides Heidenelke
Dianthus superbus Prachtnelke
Euphorbia cyparrissias Zypressenwolfsmilch
Helianthemum nummularium Sonnenröschen
Galium verum Echtes Labkraut
Geranium silvaticum Waldstorchschnabel
Gypsophila repens Kriechendes Gipskraut
Knautia arvensis Wiesenwitwenblume
Lamium maculatum Gefleckte Taubnessel
Leucanthmum vulgare Wiesenmargerite
Lotus corniculatus Gewöhnlicher Hornklee
Malva moschata Moschusmalve
Nepata cataria Katzenminze
Oenothera biennis Gewöhnliche Nachtkerze
Petrorhagia saxifraga Steinbrechfelsennelke
Prunella grandiflora Große Brunelle
Prunella vulgaris Kleine Brunelle
Salvia pratensis Wiesensalbei
Saponaria ocymoides Kleines Seifenkraut
Scabiosa columbaria Taubenskabiose
Silene dioica Rote Nachtnelke
Silene flos-cuculi Kuckuckslichtnelke
Silene nutans Nickendes Leimkraut
Silene vulgaris Taubenkropfleimkraut
Thymus serpyllum Sandthymian
Veronica teucrium Aufrechter Ehrenpreis
Literatur:
Witt, Dr. Reinhard (1998): Wildblumen für Töpfe und Schalen. BLV Verlag. Das Buch gibt es noch beim Autor: www.reinhard-witt.de
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