Naturgärten als Überlebensräume für tierische Untermieter
Harald Cigler, CH-Affoltern
Haben Sie sich bereits ein Stück Natur in den Garten geholt, oder grübeln Sie schon lange darüber nach, wie Mann/Frau das am besten anpackt? Da gibt es doch so viele Bücher zu diesem Thema mit tausend guten Ratschlägen dazu. Haben Sie diese immer
noch nicht verdaut oder gar die Übersicht verloren? – Ganz ruhig bleiben, aus dem Fenster blicken und den Ist-Zustand Ihres Gartens betrachten. Wenn dann das Bedürfnis etwas zu ändern immer noch vorhanden ist, dann sollten Sie es bald anpacken, denn draußen warten zahlreiche „obdachlose“ Lebewesen, die gerne bei Ihnen Asyl suchen würden. Gehen Sie raus, „sprechen“ Sie mit ihnen, beobachten Sie die wenigen Individuen, die sich bis dahin auf eine Notunterkunft beschränken mussten. Wenn Sie dann draußen umher gehen, um bewusst Erfahrungen zu sammeln, dann stellen Sie plötzlich fest, dass ein großer Teil Ihrer Stauden- und Heckensammlung für viele einheimische Insektenarten als Futterpflanzen nicht oder schlecht verwertbar sind. Oder dass das grüne Tarnkleid mancher Raupen, die unter Haselblättern hängen, am rotlaubigen Zierhasel auffliegt so dass sie meist alle von Vögeln erspäht und gefressen werden. Na schön doch für die Meise, aber der Feinddruck soll doch in einem Maße stattfinden, dass die Beute nicht ganz verschwindet.
Alles können wir nicht haben, aber es wäre doch anstrebenswert, einer ganzen Artengemeinschaft einen Platz im Garten zu schaffen.
Checkliste als Orientierungshilfe:
Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man einen „ökologisch“ sinnvollen Naturgarten gestalten kann.
Zumeist sind da ja gewisse Vorlieben für Bildausschnitte von Naturlebensräumen, denen man z.B. während einer Wanderung im Hochgebirge begegnet ist, und die einen hartnäckig begleiten, bis der Wunsch entsteht, dieses „Bild“ in seinen Garten transformieren zu wollen.
Leider passt aber das Hochgebirge schlecht ins Flachland und würde etwas wie Disney-Land wirken. Der Hochalpen-Apollofalter würde sich deswegen auch nicht „herablassen“, weil ihm die klimatischen Verhältnisse nicht zusagen und er eher einen ihm noch unbekannten Prädator zum Opfer fallen würde.
Also Mann und Frau merke: Hole Deine Ideen für die Naturgartengestaltung aus dem Bereich Deiner Umgebung. Damit bestehen reellere Chancen, hier bereits heimischen Lebewesen ein neues Zuhause zu schaffen. Für die Entscheidung, welcher Biotoptyp (= Lebensraum und nicht immer bloß Gartenteich) in meiner Wohnlage am Erfolg versprechendsten ist, gilt: Erstelle Dir eine Checkliste, als Hilfe dazu mit folgenden Fragepunkten:
- Wie weit sind die nächsten Naturräume von meinem Garten entfernt?
- Wie hoch ist der dazwischen liegende Anteil an intensiv genutzten Kulturlandflächen?
- Bestehen natürliche Verbindungskorridore (Hecken, offene Fließgewässer), die eine natürliche Einwanderung fluguntüchtiger Tierarten, wie z.B. Amphibien und Reptilien zulassen?
- Bestehen bauliche Hindernisse, die eine Einwanderung der o.g. Tierarten nicht zulassen?
- Wie stark werden umliegende Straßen befahren (Straßenopfer)?
- Wie hoch ist der „Katzendruck“ als wahrscheinliche Räuber in Ihrem Garten?
- Wie ist die Lage des zukünftigen Naturgartens (sonnig oder schattig, hanglagig oder eben usw.)?
- Wie sind die Eigenschaften der gegebenen Bodenverhältnisse (nährstoffreich oder mager, feucht oder trocken)? Versuchen Sie die Situation eventuell mit Hilfe fachkundiger Leute zu beurteilen.
- Wie begeisterungsfähig sind Ihre Nachbarn für diese Thematik? (Je nach „Biotopwahl“, z.B. Froschteich, ist Streit vorprogrammiert.)
- Ist die eine oder Idee eventuell in Ihrer Gemeinde bewilligungspflichtig (bauliche Maßnahmen)?
- Können Sie das Fortbestehen Ihres Naturgartens für die nächsten Jahre oder gar auf Dauer garantieren? Oder lassen Sie sich von jedem Gartenmodetrend hinreißen? In diesem Fall ist ein Naturgarten nicht zu empfehlen, da das für einige tierische Neubesiedler fatale Folgen hätte.
Dies wären die wichtigsten Checkpunkte, die natürlich auch ergänzt werden können.
Auf den ersten Blick könnte einem dabei die Lust vergehen, aber für Ihr Vorhaben schafft es die günstigsten Voraussetzungen, die eher zum gewünschten Erfolg führen.
Auf Grund der Ergebnisse Ihrer Checkliste wird sich herauskristallisieren, welche Biotoptypen sich am sinnvollsten anlegen lassen um den bestmöglichen Nutzerfolg für Tiere erzielen zu können.
Tiere fördern im Naturgarten - Erfahrungen am eigenen BeispielKurz möchte ich meine Gartensituation beschreiben:
Als ich vor vier Jahren einzog, zeigte sich ein recht wüstes Bild des früheren Hausbesitzers. Ein alter, drei Jahre brachgelegener Schreber (Streber-)garten mit einem Haufen Bauschutt und Unrat lag zu meinen Füßen. Aha, trotz der Unordnung und einer vergammelten Wildnis war mir mein Vorteil bewusst, dass heimliche, tierische Untermieter vorhanden sein mussten. Diese in einer Bestandsaufnahme zu erfassen, war die erste Aufgabe. In dem Haus, in das ich als Mieter einzog, fanden immer noch Umbauarbeiten statt, die zäh voranschritten und manchen Ärger und Frust brachten. Auch den machte ich mir für meine Naturgartengestaltung zunutze, indem ich die Energie geballter Ladung Wut (die übrigens immer wieder aufs Neue wieder belebt wurde) als Antrieb für manche Kraftanstrengung kreativer Baueinsätze in meiner Anlage nutzte.
"Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein." - Diesem Zitat folgend, versorgte mich mein netter Nachbar mit Tonnen von Steinen, die er beim Ausbau seines Kellers ans Tageslicht beförderte. Ebenfalls einige Kubik an recht magerem Erdreich, das ich bestens für meine Idee gebrauchen konnte.
Über fast zwei Jahre baute ich nun Stück um Stück meinen Naturgarten, der aus einem "Patchwork" verschiedenster Kleinlebensräume besteht, die nahtlos ineinander fließen. Selbst Nutzgartenteil und "Küchenkräuter-Saum" sind integriert.
Selbstverständlich werden niemals Gifte eingesetzt. Löcherfraß am Kohl von "Vorkoster" Kleiner und Großer Kohlweißling sind Markenzeichen für ein gesundes Produkt. Um Kahlfraß vorzubeugen, ziehe ich in Kisten Kohlartige und Möhren und setze Raupen darauf. – So hat jeder was davon.
Heute ist mein Naturgarten vier Jahre alt und weist eine Wohngemeinschaft etlicher Lebewesen auf, die sich in einem reichhaltigen Angebot verschiedenster Strukturen eingenistet haben. Die Artenvielfalt hat sich im Vergleich zum Anfang mindestens verzehnfacht. Ich erhoffte, alle Arten systematisch erfassen zu können, aber leider fehlt oft die Zeit dafür, und so geht’s etwas langsamer.
Einige Beispiele, wie man gezielt Tierarten im Naturgarten fördern kann, möchte ich gleich aufführen.
Beispiel Schmetterlinge
Zunächst macht es Sinn, durch Beobachtungen in der Wohngegend festzustellen, welche Schmetterlingsarten noch umhergaukeln.
Meist beschränkt sich dies auf die Tagfalter, weil nicht alle von uns "Nachtschwärmer" sind. So lässt sich feststellen, welche Blütenpflanzen begehrte "Tankstellen" sind und was die Raupen gerne fressen.
Diese Pflanzen sollten in meinem Garten nicht fehlen. Eine artenreiche Blumenwiese mit den begehrtesten Grasarten als häufige Raupen-Futterpflanze vieler Falterarten ist auch für Wildbienen, Käfer, Heuschrecken und Spinnen ein Anziehungspunkt. Gute Saatgutmischungen mit ausgewogenem Verhältnis an Blüten- und Raupenfutterpflanzen sind heute erhältlich, ebenfalls nützliche Hinweise in Punkto Pflege dazu.
Die richtige Standortwahl ist unbedingt der Samenmischung anzupassen!
Wer sich übrigens ein kleines Stück Rasen als Nutzfläche anlegen möchte, der nicht einem monotonen "Englischen" gleichen muss, der kann sich heute ebenfalls eine Kräuter- und Grasmischung einheimischer Pflanzen besorgen, die einer Trittbelastung trotzen und sehr pflegeleicht und begehrt für viele Kleinlebewesen sind.
An solchen Stellen, wo Spitz- und Mittlerer Wegerich vorkommen, finde ich häufig Bärenspinner- und Eulenraupen.
Beim Mähen bitte nicht zu tief schneiden und lieber weniger als notwendig erscheint.
Gute "Köderpflanzen" für die echten, imposanten Nachtschwärmer sind z.B. Echtes Seifenkraut, die Gemeine Nachtkerze und Weißes Leimkraut (um wenige Favoriten zu nennen). Ersteres habe ich in rauen Mengen, es lässt sich immer wieder zurückschneiden und blüht erneut bis oft Mitte November hinein. Mindestens von drei Schwärmerarten wird es ab Juli regelmäßig besucht. Die Futterpflanzen der Raupen stehen in der Nähe zur Verfügung, was ebenfalls genutzt wird.
Nicht immer klappt das auf Anhieb, aber eben, wie es so schön heißt: "Geduld bringt Rosen".
In diesem Jahr habe ich auf der begehrten Raupenfutterpflanze "Echtes Labkraut" über 25 Taubenschwänzchenraupen zählen können!
Trotz der Anlage üppiger Brennnesselstauden braucht es ebenfalls Geduld, bis Nesselfalter Eier darauf ablegen. Oftmals ist es eine Standortfrage, die entscheidet, ob eine Besiedlung stattfindet. Das kann schon mal Jahre dauern. Ich hatte erst im dritten Jahr Raupen des Landkärtchens an dürftigen Nesselstauden unter einem Schwarzdorn feststellen können. Auf gut besonnten Brennnesseln sind Admiralraupen vorzufinden.
Bitte versuchen Sie nicht, Nesselfalterraupen aus einer Naturpopulation in Ihren Garten umzusiedeln. Es gelingt selten. Außerdem hat jede Pflanze gleicher Art ihren Standortbezogenen "Eigengeruch", der auch von den fressenden Raupen aufgenommen wird. Somit verraten sich die eingeschleppten Raupen mit ihrer standortspezifischen Duftnote schnell an Räuber, wie z.B. Wespen und Hornissen. In kürzester Zeit würden also alle (!) Raupen weg gefressen. Schaden Sie also Naturpopulationen bitte nicht!
Raupen im sicheren Kasten aufzuziehen, um den Falter im Garten fliegen zu lassen, schadet weitaus weniger und kann die Chance für eine Etablierung etwas erhöhen.
Im Sommer sollte man mind. 2/3 des Nesselbestandes bodeneben zurückschneiden, damit sie neu nachwachsen können. Gerade der Kleine Fuchs und das Tagpfauenauge bevorzugen frisches Grün als Eiablageplatz häufiger.
Im Herbst ist darauf zu achten, dass beim Rückschnitt nicht aus Versehen überwinternde Puppen des Landkärtchens entsorgt werden.
Meist sind es die Blindschleichen, Zaun-, Waldeidechsen und seltener die Mauereidechsen, die Naturgärten besiedeln können.
Ungeachtet vieler Bemühungen fallen sie aber vielfach den Hauskatzen zum Opfer. Mein Naturgarten wies anfangs eine tägliche Katzenpräsenz von 2-4 Individuen auf. Trotz eines reichhaltigen Unterschlupfangebotes sind „meine“ sieben eingesetzten, halbwüchsigen Zauneidechsen den Katzen innerhalb von 11/2 Monaten zum Opfer gefallen. Dabei war die Jagdstrategie eines einäugigen Angoratigers besonders beeindruckend: Er machte sich keine Mühe, den Echsen aktiv nachzujagen, sondern beobachtete sie stundenlang. Irgendwann muss er herausgefunden haben, wo ihre Schlafplätze liegen. An einem frühen Morgen, als die Echsen zum Sonnenbad ihr Versteck verließen, um sich als wechselwarme Tiere die nötige „Betriebstemperatur“ zu verschaffen, erbeutete der „Tiger“ die noch wenig beweglichen Eidechsen mit Leichtigkeit.
Man muss sich vorstellen, dass sich auf der ganzen Fläche meines Gartens ein dichtes Netzwerk an Unterschlupfstrukturen befindet, was aber nicht ausgereicht hat, um die Reptilien vor den Katzen zu schützen. Da sollte also gut überlegt sein, ob es sich lohnt, Reptilien in einer katzenreichen Umgebung zu fördern. – Ich habe einen Hund angeschafft (natürlich nicht nur deswegen), der kein Beutegreifer ist, und jetzt haben die Echsen ihre Ruhe.
Untersuchungen in England haben gezeigt, dass viele verschiedene Tierarten unter dem Problem zu leiden haben. Die Katze selbst folgt ja nur ihrem angeborenen Instinkt und man kann ihr keinen Vorwurf machen, aber die Besitzer müssen sich der Tatsache stellen, dass sie mit dem Freilaufen lassen ihres geliebten Haustieres einen ernst zu nehmenden Existenzdruck auf einige einheimische Tierarten ausüben.
Bau von Reptilienstrukturen – Ich bau mir eine „Echsenburg“
Vorgehen beim Aufbau
Bild1:Sonnigen Standort wählen. Auf flachem Boden oder an Böschungen, frei stehend und direkt am Fuß von Hecken anbringen, aber nicht von diesen überwachsen und beschatten lassen!
Den Bodengrund der vorgesehenen Fläche lockern (max. 30 cm tief), Hälfte abführen und die gleiche Menge Sand dazu mischen.
Darauf einige Steine (großer Durchmesser, dienen als Stützsteine) so verteilen, dass verschieden große Zwischenräume entstehen.
Bild 2: Auf die Stützsteine flachere, größere so aufsetzen, dass die Zwischenräume „überdacht“ werden. Auf dieser neuen „Etage“ kleinere Stützsteine verteilen und Zwischenräume stellenweise mit Lauberde und teils mit Sand und Kies locker füllen. Das Angebot verschiedener Füllmaterialien erfüllt verschiedene Funktionen (wie z.B. Ruhe- und Eiablageplätze) und fördert auch die Bedürfnisse anderer „Untermieter“.
Mit einem gestalterischen Flair sind Echsenburgen nicht nur Wohnheime für ganze Tiergesellschaften, sondern auch ein Schmuckstück im Garten und Beobachtungsposten.
Dasselbe gilt auch für große Wurzelstöcke, die mit der Schnittstelle voran in eine vorher ausgehobene Bodenmulde so versteckt werden, dass die angeschnittenen Wurzeln wie ein schützendes Geflecht heraus schauen. Die Hohlräume kann man mit groben Steinen und Wandkies locker füllen, stellenweise auch Rindenmulch einfüllen. Die oberste Schicht kann mit feinerem Wandkies so abgedeckt und fest getrampelt werden, dass noch Einschlupfnischen vorhanden bleiben.
Lebensraum Stützmauer
Aus statischen Gründen erfordert der Aufbau einer Stützmauer etwas Geschick, will man nicht plötzlich von ihr verschüttet werden.
Niemals Ritzen und Fugen zubetonieren! Ebenfalls ist auf eine flächendeckende Bepflanzung zu verzichten. In Ausnahmen allerdings kann ein Efeugeflecht oder Wilde Rebe auch Sinn machen, so als Verstecknischen diverser Insektenarten, Kleinvögel und selbst Blindschleichen.
Hübsche Kleinode wie Mauerraute, Zimbelkraut, Streifenfarn u.v.a. Mauerspezialisten sind vorzuziehen.
Sauberer, schadstofffreier Bauschutt kann ebenfalls verwendet werden.
Zu diesem Thema gibt es eine empfehlenswerte Fachbroschüre der Stiftung Umwelt – Einsatz Schweiz (SUS), die einfache Aufbauschemen aufzeigt, wie das nebenstehenden Beispiel der Illustration zeigt.
In einer von mir illustrierten Broschüre vom SVS-BirdLife Schweiz (siehe Titel) sind nützliche Tipps zum Thema enthalten (ca. 3 € zzgl. Versand).
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