Hinweis

Totholz in Wald und Garten

Gabriele Pichler, A - Salzburg


 Jede Baumart, jeder Baumabschnitt und jedes Stadium der Verwesung beherbergt seine eigene Tierwelt: es gibt Insektenarten, die nur auf Buchen, Obstbäumen, Haselbüschen oder Nadelgehölzen zu finden sind, manche nur unter der Rinde, im Holz dicker Stämme, in dünnen Zweigen oder im Wurzelbereich. Manche gehen ausschließlich auf frisches, manche auf Moderholz in fortgeschrittenem Stadium der Verwesung los. Von Bedeutung für die Art der Besiedlung ist auch, ob der Baumstamm steht oder liegt, ob er sich in Schatten- oder Sonnenlage befindet. Der natürliche heimische Urwald war reich an totem Holz. Altersschwäche, Windwurf, Pilz- oder Schädlingsbefall ließen die Bäume absterben, die in der Folge an Ort und Stelle vermoderten und so dem natürlichen Wachstumskreislauf als natürlicher Dünger wieder zur Verfügung standen.

Die auf intensive Holznutzung ausgerichtete Wirtschaftsweise der letzten Jahrzehnte ließen einen Verbleib von Restholz im Wald nicht zu. Auch mit dem Argument des Übergreifens Holzzerstörender Schädlinge von totem auf gesundes Holz wurden dürre Stämme, abgebrochene Äste oder Baumstubben gewissenhaft vom Waldboden entfernt. Mit dem Erstellen der Roten Liste mit vom Aussterben bedrohten Tierarten erkannte man die Konsequenzen dieser Politik: ein Großteil der darin aufscheinenden Insektenfauna ist auf totes Holz angewiesen.
In der Folge entstand ein heftiger Streit zwischen Forstbetrieben und Naturschützern: rechtfertigen erstere ihre Vorgangsweise noch immer mit dem Argument der unschönen Optik eines von Totholz durchsetzen Waldes oder der Behinderung der Waldarbeiten durch herumliegende Stämme, wissen jene längst die Bedeutung von vermoderndem Holz für Waldgesundheit und Artenreichtum zu schätzen. Da auf Totholz spezialisierte Insekten in der Regel nicht das Holz lebender Bäume angreifen, ist eine Zunahme von Schädlingsbefall außerdem nicht zu befürchten.

 

Verborgene Wunderwelt in sterbenden und toten Bäumen
Tote Bäume beherbergen mehr lebende Zellen als lebende: Was an einem Baum nämlich außer den Blättern lebt, sind nur die dünne Bastschicht unter der Borke und die nicht verholzten Wurzelteile.
Die Besiedlung eines Baumes mit Lebewesen beginnt bereits im kränkelnden Zustand. Alte und kranke Bäume können dem Eindringen von Insekten und Pilzsporen durch die schützende Borke und Bastschicht bis zum Holzkörper keinen Widerstand mehr entgegensetzen.

Als eine der ersten Besiedler durchdringen Borkenkäfer (zum Beispiel Buchdrucker) die Rinde des kranken Baumes und bohren Gänge ins Bastgewebe, in die sie ihre Eier legen. In die vorgebohrten Gänge nisten sich Käfer- und Fliegenlarven von Arten ein, die ihre Nistgänge nicht selber bohren können, sondern auf vorgefertigte „Nester“ angewiesen sind. Durch den Insektenkot wird die Besiedlung des Holzes mit Pilzen beschleunigt. Nun wird der Baum für die meisten Holzbewohner erst richtig interessant: Pilzmycel und das durch Pilzbefall verwesende Holz sind Nahrungsquelle für viele Insekten und deren Larven. Bockkäfer, die im erwachsenen Zustand Blütenbesucher sind, legen ihre Eier ins faule Holz, in ihren Larvengängen nisten Milben. Raupen und Fliegenmaden bohren sich ein, Kurzflügler und Schnellkäfer machen darin Jagd auf andere Holzbewohner. Unter der nun langsam abplatzenden Borke hausen Schnellkäfer und Knotenameisen, Schmetterlinge verpuppen sich dort und Marienkäfer halten ihren Winterschlaf. Werden die Höhlungen im Baum größer, ist dort Platz für Hummeln, Schlupfwespen und Motten. Auch an Totholz gebundene Spinnenarten stellen sich ein, um die dort lebenden holz-, pilz- und mulmfressenden Insekten zu jagen.
Nachdem nun Pilze den Stamm soweit durchsetzt haben, dass er sich verfärbt und Feuchtigkeit speichert, beginnt darin das Zeitalter der Großkäfer. Die bekanntesten davon sind die Hirschkäfer (es gibt sieben Arten). Alle Hirschkäferarten benötigen dicke Stämme von morschem Laubholz, bevorzugt Eiche, Buche und Linde. Wird das Holz nun bereits schwammig und weich, findet man darin schon typische Bodentiere: Asseln, Laufkäfer und Schnecken. Im letzten Stadium zerfällt das Holz zu Moder – Lebensraum für Regenwürmer, Tausendfüßler, Molche und Salamander.

 

Totholz für die Tiere des Gartens
Auch im Garten lassen sich durch bewusstes Dulden und Einbringen von Totholz ein Teil der Arten ansiedeln, die man in Wäldern findet. Die Vielfalt darin wird umso größer sein, je naturnaher auch der übrige Garten gestaltet wird:

  • Unter den Totholzbewohnern des Gartens sind auch zahlreiche Nützlinge: blattlausfressende Marienkäfer, schneckenfressende Laufkäfer oder schadinsektenfressende Wespen. Nicht zu vergessen: der Igel!
  • Singvögel: Meisen und Kleiber nisten in alten, hohlen Obstbäumen, Rotkehlchen und Zaunkönig in Reisighaufen und unter Baumwurzeln. Alte Bäume sind auch ein beliebter Futterplatz für Insekten fressende Vogelarten.
  • Zahlreiche Wildbienenarten legen ihre Eier in die Bohrgänge von holzbohrenden Käfern.
  • Blindschleichen – sie haben Nacktschnecken zum Fressen gern - leben gerne in Reisighaufen. Sie bringen ihre Jungen lebend zur Welt und die neugeborenen Reptilien benötigen als Unterschlupf liegende, modrige Baumstämme oder Baumwurzeln
  • Igel profitieren von Totholz in zweifacher Weise: Reisighaufen und Hohlräume unter Baumstubben sind beliebter Unterschlupf und Nistplatz, totholzbewohnende Insekten und Würmer Nahrung.
  • Baumbewohnende Fledermäuse sind in sehr hohem Maße auf natürliche Baumhöhlen angewiesen. Viele Arten lassen sich in künstlichen Fledermauskästen schwer oder nicht ansiedeln.
  • Käfer: In Deutschland sind 1350 Käferarten auf Totholz angewiesen. In alten Obstbäumen nisten zum Beispiel der Kleine Obstbaumsplintkäfer oder der Pflaumenbock, im modernden, liegenden Totholz Rosenkäfer und Zwerghirschkäfer.
  • Gartenschläfer nisten in morschen Baumhöhlen. Den Winter verschlafen sie unter Reisighaufen.

 

Mehr Totholz in unsere Gärten! – Gartengestaltung mit Totholz
Da der Garten zugleich Lebensraum für Tier und Mensch sein soll, muss hier zwischen den Bedürfnissen der Unordnung liebenden Tierwelt und des sauberkeitsliebenden Menschen ein sinnvoller Kompromiss geschaffen werden. Es gibt viele Möglichkeiten zur ästhetischen Gestaltung von Gärten mit Totholz. Hier einige Beispiele:

Alte, absterbende Bäume sollte man nicht komplett fällen, man kürzt gefährliche, dürre Äste ein und lässt sie natürlich vermodern. Von Sonne voll beschienene, stehende Dürrlinge sind Lebensraum vieler bedrohter Käferarten und gelten als das wertvollste Totholzbiotop. Kann man den Anblick eines vermodernden Stammes nicht ertragen, pflanzt man zur Verschönerung heimische Kletterpflanzen an den Stamm: Efeu, Waldrebe oder Waldgeißblatt. Baumsanierungen an morschen Stämmen sind nicht nur teuer, sie verlängern auch das Leben eines Baumes nicht und zerstören die Fauna im modernden Holz.

Der Abfall vom Baumschnitt muss nicht im Häcksler landen. Sinnvoller ist die Errichtung von Schnittholzhaufen. Zur Sichtabdeckung des unschönen Anblicks pflanzt man an seinen Fuß, an dem sich mit der Zeit frische, nährstoffreiche Walderde bildet, Blumen und Sträucher des heimischen Waldrandes: Himbeeren, Schwarzer Holunder oder Rainfarn.

Eine weitere Möglichkeit zum Ablagern von Baum- und Strauchschnitt ist die Errichtung einer Vogelschutzhecke: in gewissen Abständen schlägt man zweireihig Holzpfosten in die Erde und befüllt die Zwischenräume mit Schnittmaterial. Solche Schnittholzhecken lassen sich zum Beispiel als naturnahe Grundgrenze zum Nachbarn errichten.

Großkalibriges liegendes Totholz als Lebensraum für anspruchsvollere Käferarten lässt sich im Garten an verschiedenen Orten einbinden: als Sitzplatz, als natürlich wirkende Wegbegrenzung oder als Blumenständer. Am wertvollsten sind Buchen- und Eichenholz.

Nicht nur holzbewohnende Insekten und Spinnentiere sondern auch spaltenbewohnende Fledermäuse und höhlenbrütende Vögel profitieren von extra dafür errichteten Scheiterhaufen, ein dekoratives Element in einer sonnigen Gartenecke. Lässt man unten einen Abstand zum Boden bestehen, verkriechen sich in den Höhlungen auch Igel, Kröten und Siebenschläfer zum Winterschlaf.

Lebensraum für holzbewohnende Insekten, sowie Baumaterial für nützliche Wespen und Hornissen bieten auch naturbelassene Holzzäune. Das Holz muss zu diesem Zweck gut abgetrocknet sein, nur dann bildet es mit der Zeit eine schützende Patinaschicht aus, die es vor Fäulnis bewahrt. Besonders wertvoll sind Zaunelemente, bei denen die Rinde am Holz belassen wurde. Sind die Pfosten auch aus Holz, muss die Stelle mit dem Bodenkontakt entweder mit Holzschutzmittel behandelt oder als Dauerlösung durch das Anschrauben an einen Betonsockel vermieden werden.

Besonderer Tipp für Wildbienenfreunde: zur Förderung dieser beliebten Fluginsekten können in dicke Zaunpfähle aus Hartholz waagrechte Löcher von 5-10cm Tiefe und 2-10mm Durchmesser gebohrt werden – eine Alternative zum Aufhängen von Nisthölzern.

Einbringen von Totholz in Form von Reisighaufen, liegenden und stehenden Baumstämmen und Baumwurzeln wertet Hecken ökologisch auf. Viele Heckenbewohnende Käfer, Wildbienen und Schwebfliegen machen ihre Jugendentwicklung in morschem Holz durch. Blindschleichen und Igel bevorzugen von Büschen beschattete Totholzstrukturen als Unterschlupf.

 

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