Pflegen wir unsere Blumenwiesen zu Tode?
Dipl.Ing Johannes Burri, CH-Winterthur
Nein - sicher nicht! Blumenwiesen sind so tolerant, dass sie auch eine grundfalsche Pflege ertragen. Viele Arten werden mit einer unangepassten Pflege fertig, vorausgesetzt die Pflegerin oder der Pfleger entpuppen sich nicht als WiederholungstäterIn...
Einige Grundsätze können aber helfen, die Wiese in ihrer vollen Arten - und Formenvielfalt, in ihrer ganzen Schönheit und Eigenwilligkeit zu erhalten.
Die folgenden Merkpunkte beziehen sich nur auf Wiesen, die mindestens ein Jahr alt sind (einmal überwintert haben) und den Namen „Wiese“ verdienen.
Auf die Pflege von Neuansaaten und die Betreuung von anderen Pflanzengesellschaften (z.B. Hochstaudensäume) kann in diesem Referat nicht eingegangen werden.
Grundsatz
Machen Sie ruhig Fehler, unterlassen Sie aber Wiederholungssünden
Eine unsachgemäße Pflege, genauer ein falscher Schnittzeitpunkt, ein schlecht eingestelltes oder ein ungeeignetes Werkzeug, eine überflüssige Düngung oder eine zu gut gemeinte Bewässerung, erträgt jede Wiese ohne Schaden. Problematisch wird es erst dann, wenn der gleiche Fehler jährlich wiederholt wird.
PflegekonzepteWeg mit engmaschigen Pflegekonzepten
Zwischen dem Boden- und dem Genfersee finden wir nicht zwei identische Wiesen. Jede Wiese ist also ein Unikat, eine kleine eigenwillige Persönlichkeit. Persönlichkeiten verlangen eine individuelle Pflege. Auch das Wetter und andere Einflüsse tragen dazu bei, dass es kein allgemeingültiges Pflegekonzept für artenreiche Wiesen gibt. Wer also stur irgendwelche Pflege-anleitungen befolgt, wird seinen Wiesen mehr schaden als nützen. Viel besser als ein gut gemeinter, ausführlicher Pflegeplan sind offene Augen und ein wacher Verstand...
Schnitt
Erster Schnitt, immer in Etappen
Artenreiche Wiesen sollten immer in Etappen gemäht werden. Am besten unterteilt man die Anlage in gleichwertige Teilflächen und verteilt den Heuen auf mindestens 2 bis 4 Wochen. Auf einmal sollte nie mehr als die halbe Fläche gemäht werden.
Am Gesicht der Wiese lässt sich der richtige Schnittzeitpunkt ablesen.
Grundsätzlich gilt, je magerer eine Wiese, desto später wird gemäht - je fetter, desto früher. Als Leitpflanze kann die Margarite dienen: Lässt sie ihre weißen Kronblätter hängen, ist es an der Zeit, die Sense hervorzunehmen. Keine Angst vor einem (zu) frühen Schnitt.
Der zweite Schnitt bringt eine zweite Chance
Der Frühling gehört den Gräsern. Vor dem ersten Schnitt fehlt es deshalb vielen Blumen an Platz (und an Zeit) um keimfähige Samen zu bilden. Während des Sommers kommen die meisten Wiesenblumen nochmals in die Blüte. Bis zum zweiten Schnitt haben sie dann genügend Platz, Licht und Zeit, um abzusamen.
Heuen macht Spaß
Die Hand- und Motorsense und der Motormäher mit Messerbalken sind geeignete Geräte, um auch überständiges Heugras sauber und dennoch nicht zu tief zu mähen. Das Schnittgut bleibt zum Trocknen immer auf der Parzelle. Zum richtigen Heuen gehört auch das Zetten und Wenden des Futters.
Erst das trockene, würzig duftende Heu oder Emd wird zusammengenommen und eingebracht. Kleinviehzüchter sind dankbare Abnehmer für schmackhaftes Rauhfutter.
Apropos Mulchen
Mulchen und liegenlassen des Schnittgutes ist die zweitschlech-teste Pflegemethode, „kein Schnitt“ die schlechteste. Mulchen ist nur als absolute Ausnahme tolerierbar. Wiederholtes Nichtmähen von Wiesen führt zu einem sichtbaren Artenverlust.

Kein Schnitt, wenn nichts zu holen ist
Nehmen wir uns den Profi, den Landwirt zum Vorbild. Heuen macht nur dann Sinn, wenn etwas zu holen ist. Magerwiese und Trockenrasen können im Extremfall nur alle 2 Jahre gemäht werden, während eine Wiese auf einem fetten Boden 3 bis 4 Schnitte pro Jahr bringt.
Nicht frisch- und nicht ungemäht einwintern
Ungemähte Wiesen sind ein Tummelfeld für Mäuse. Die abgestorbenen Halme bilden über den Winter eine „Matratze und beeinträchtigen so eine zügige Entwicklung im Frühling.
Frischgeschnittene Blumen werden während der Vegetationsruhe manchmal von Pilzen befallen. Als Eintrittspforten dienen vermutlich die frischen Blatt- und Stengelverletzungen, verursacht durch einen zu späten Schnitt.
Bewässerung
Auch wenn der Sommer heiß und trocken wird und sich die Wiese braun und rot verfärbt, ist eine künstlichen Bewässerung nicht nötig.
Düngung
Stickstoff fördert die Gräser und macht die Narbe dichter und belastungsfähiger. Eine schwache N-Düngung ist also höchstens in stark betretenen Blumenrasen angebracht.
Blumenwiesen werden grundsätzlich nicht gedüngt.
Ausnahme: Artenreiche Fromentalwiesen, traditionelle Heuwiesen, die sich ohnehin schon auf einem tiefen Stickstoffniveau befinden, reagieren positiv auf eine leichte Mistgabe im Herbst. Im Mist sind drei Viertel des Stickstoffes langfristig gebunden. Die Mistklumpen „öffnen“ die Narbe und schaffen Platz für neue Sämlinge.
Problem-Unkräuter
Unkräuter in Blumenwiesen sind oft nur ein optisches Problem. Zudem verläuft die Grenze zwischen „erwünschten Blumen“ und „hässlichem Unkraut“ fließend...
Bei den folgenden Tipps muss dieser Tatsache Rechnung getragen werden:
Einjährige Arten verschwinden meistens von alleine. Sie sind nicht schnittverträglich.- Gegen Weißklee hilft nur die Zeit und ein extensives Schnittregime. Er wird kaum ganz verschwinden aber sich mit den Jahren diskreter verhalten.
- Quecken fürchten sich am meisten vor dem Klappertopf.
- Gegen Ampfer wirkt ebenfalls die Zeit, das sinkende N-Niveau, die Ampferkäfer und der gute alte Ampferstecher. Mit Schere und Papiersack kann man das weitere Absamen verhindern.
- Ackerkratzdisteln hassen es, wenn sie kurz vor der Blüte geköpft werden.
- Gegen den Löwenzahn hilft am ehesten etwas Toleranz und das Wissen der Großmutter: Getrocknete Löwenzahnwurzeln sind ein wunderbares Heilmittel gegen Magenverstimmungen...
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