Hinweis

Ohne Lärm kein Fleiß

Stefan Leszko, D – Unterpleichfeld

 

Die Naturgartenbewegung hat sich im Zeitraum ihres Bestehens intensiv um Akzeptanz und neue Anhänger bemüht, der Erfolg jedoch war eher durchwachsen. Begeisterte Zustimmung fand die Naturgartenidee unter Singvögeln, Lurchen, verschiedenen Reptilien, zahllosen Insekten und allerlei Kleinsäugern. Das Echo unter größeren Säugern blieb dagegen verhalten. Als besonders obstinat erwies sich ein uferlos überhand nehmender Primat: der Mensch. Jüngere Exemplare reagieren zwar im Allgemeinen enthusiastisch, fallen aber im innerartlichen Rangordnungsgefüge nicht ins Gewicht und brauchen uns deshalb hier nicht weiter zu beschäftigen.

Allerdings finden Naturgärten auch unter Erwachsenen eine gewisse, sogar zunehmende Anhängerschaft. Betrachten wir jedoch die Zusammensetzung dieser Gruppierung, so finden wir einen bedenklich hohen Anteil an Intellektuellen, Pazifisten und allgemein ins Alternative abgerutschten Personen, lauter Leuten also, die ohnehin keiner ernst nimmt. Allein in meinem eigenen bescheidenen Bekanntenkreis finden sich unter den bekennenden Naturgärtnern zwei - wenngleich pensionierte - Botanikprofessoren. Bei der bodenständigen Hauptmasse der Bevölkerung aber stoßen Naturgärten, wie ich aus meinem Berufsalltag weiß, auf Unverständnis und Ablehnung. Daran haben auch 15 Jahre Aufklärung, Werbekampagnen und Umwelterziehungsversuche nichts ändern können. Es wurde viel herumgerätselt, woran es liegen mag, dass Naturgärtner als nicht vollwertig angesehen werden, und es wurden ebenso viele Erklärungsansätze gefunden: Naturentfremdung, pervertierte Ordnungsbegriffe, Konservativismus, verborgene Aggressionen, offene Aggressionen und dergleichen mehr.

Nichts davon trifft zu. Der wahre Grund, warum ein Naturgärtner sich unter seinen Nachbarn keine Achtung verschaffen kann, ist ganz einfach: Er macht keinen Lärm. Für den schlichten Durchschnittsbürger nämlich ist Lärm machen nicht nur Hauptbeschäftigung, sondern der alleinige und einzige Lebensinhalt. Das, und nicht etwa das Wohl künftiger Generationen, „der Glaube” oder die Bewahrung des Wahren, Guten und Schönen. Alles abstrakte Kopfgeburten, die im Alltag nichts bringen. Lärm aber, das ist die Demonstration von Tätigsein, Lebenskraft, Fleiß, Rechtschaffenheit und Rangordnung. Ich lärme, also bin ich, und meine Kreissäge ist lauter als deine. Das ist ein großer Sieg. Findige Herstellerfirmen haben dies längst begriffen; es ist kein Zufall, dass motorisierte Gartengeräte mit die lautesten Motoren überhaupt haben. Bereits ein bescheidener Zweitakt-Rasenmäher stellt an Lautstärke locker einen 40-Tonner in die Ecke. Zwar hat alles im Leben ein Ende, also auch eine Rasenfläche, aber zum Glück gibt es noch tausenderlei andere emsige Tätigkeiten, für die der moderne Mensch natürlich auch moderne Mittel hat. Das ist zwar nicht ganz billig, aber man kann sich´s ja leisten, und für den Lärm bringt man im Übrigen gern ein paar Opfer. So hat denn mittlerweile jeder Reihenhausgärtner einen Maschinenpark, der für einen Gutshof ausreichen würde. Dementsprechend weist eine „ruhige” Wohnsiedlung zu ihren besten Zeiten einen höheren Lärmpegel auf als ein Industriegebiet.

Natürlich darf man sich nicht täuschen lassen. Zur Hauptarbeitszeit ist es zwar schon still, aber dann ist ja auch keiner zu Hause. Erst gegen fünf Uhr nachmittags zeigt der Beginn des akustischen Orkans den Feierabend an. Dieser findet nochmals seine Steigerung an den Samstagen. Zugegeben, es beginnt verhalten, denn als erstes wäscht Herr Schulze das Auto. Zwar tut er mittels Bayern-3-Begleitung auch hier sein Bestes, aber ein Motor getriebenes Scheibenwischleder wurde leider noch nicht erfunden.

Dann aber wird zum Halali geblasen! Wenn das Glück einem hold ist, gilt es einen dicken (ab 2cm) Ast oder Stamm zu kappen, wofür natürlich nur eine Motorkettensäge in Frage kommt. Alsdann benötigt man eine Kreissäge, um den Stamm zu zerteilen. Nun kommt der allseits beliebte Schredder zum Einsatz, um das Zweigwerk zu zerkleinern, sowie ein Motor getriebener Laubsauger, mit dem man dem eventuell beim Sägen heruntergefallenen Laub zu Leibe rückt. Anschließend wird die rund 4 qm große Nutzfläche bearbeitet. Der robusten Motorfräse sollte hier im Idealfall eine etwas kleinere Motorhacke folgen, denn sie macht den Boden noch feinkrümeliger. Ist auch etwas lauter. Hernach gibt es eine Zwangspause zum Zweck der Nahrungsaufnahme, und dann kommt der Höhepunkt: das Rasenmähen.

Der an sich schon beachtliche akustische Einsatz des einzelnen wird hier durch das kollektive Zusammenwirken noch beträchtlich gesteigert und ergibt einen sehr eindrucksvollen Zusammenklang. Wer nicht Lippen lesen kann, sollte eine eventuell vorher begonnene Konversation jetzt abbrechen, um sich ganz dem Mäherlebnis hinzugeben. In der guten alten Zeit des Kalten Krieges hätte sich der Samstagnachmittag vorzüglich für eine sowjetische Invasion geeignet: Zur Hauptmähzeit wären selbst Panzerkolonnen mit Flugstaffelbegleitung unbemerkt geblieben. Man sollte meinen, solche Mähersymphonie ließe sich nicht mehr steigern, doch man meint falsch. Zu bestimmten, erhabenen Sternstunden nämlich, wenn die Planeten im rechten Winkel stehen und die Nerven nach Ruhe lechzen, kann es geschehen, dass alle Kreis- und Kettensägen, Motorfräsen, Rasenmäher, Schredder, Laubsauger und Kofferradios zugleich einsetzen. Was das für ein Gefühl ist, wenn alle diese technischen Wunderwerke sich gleichsam klanglich vereinigen - also, das kann sich überhaupt keiner vorstellen. Man muss es erlebt haben. Das ist ein Effekt, wie ihn Wagner ein Leben lang angestrebt, aber nie erreicht hat. Nach einem solchen Gesamtkunstwerk muss der Schlussakkord ganz zwangsläufig etwas abfallen. Immerhin hat der gut ausgerüstete Gartenkommandant noch eine letzte Geheimwaffe in Reserve: den Motor getriebenen Rasenkantentrimmer. Das ist ein golfschlägerähnliches Gerät, an dessen Unterseite eine Nylonschnur rotiert und renitenten Widerständlern unter den Grashalmen den Kopf abschlägt. Der Wirkungsradius dieser Grasguillotine entspricht etwa dem einer Nagelschere, doch der Lärm, den sie erzeugt, ist so überraschend, dass man gar nicht glauben mag, von all dieser Motorpotenz werde tatsächlich nur eine kleine Schnur bewegt. Übrigens gibt es dieses Gerät auch in Spielzeugausführung für Kinder, ohne Schnur zwar und damit ohne jegliche Funktion, aber - wie ich beglückt einem Katalog entnahm - mit „authentischem Motorengeräusch.” Früh übt sich – na ja. Braucht es da noch einen Beweis, dass der Lärm das Ziel ist und nicht etwa die Arbeit?

So - und nun mal ehrlich: Was hat angesichts dieser geballten akustischen Schaffenskraft, die die Nerven seilspringen und das Trommelfell frohlocken lässt, ein armseliger Naturgärtner zu bieten? Gut, dann und wann gelingt einem mittels eines Froschteiches ein gewisser Achtungserfolg, aber das sind Ausnahmen. Im Allgemeinen ist der Naturgarten eine reine Dezibelwüste. Seine konjunkturfeindlichen Trockenmauern haben Zeit ihres Lebens weder einen Betonmischer noch eine Flexsäge zu sehen bekommen, seine Laubzonen schweigen ungesaugt vor sich hin, seine Baumkronen entfalten und -falten und -falten sich, seine Reisighaufen und Benjeshecken bringen ebenfalls keinen Schredderton heraus und Rasenkanten hat er eh nicht. Gar nicht zu reden von seinem steinzeitlichen Besitzer! Der bringt es fertig, eine ganze Blumenwiese ohne einen Laut von Hand zu sensen, und wenn er für seinen Blumenrasen schon endlich mal einen Mäher verwendet, dann ist es einer jener tongeizigen Elektrognurpel, die sich von jedem Staubsauger übertrumpfen lassen.

Und sonst? Einige Singvögel, ein paar Grashüpfer, und ein schnurpsender Igel. Das ist schon nicht mehr Lärmfaulheit - das ist Unfähigkeit. Eine Unfähigkeit, die man übrigens nicht nur beim Laien, sondern selbst beim professionellen Naturgärtner antrifft. Wenn man bei diesen flüsternden Geheimniskrämern überhaupt von Professionalität sprechen kann. Man muss nur einmal hören, wie ein solcher Naturgartenbetriebsinhaber seine Mitarbeiter anwispert, als wüsste er nicht, was man dem Baugewerbe schuldig ist.

Ich habe einmal einen Galabau-Vorarbeiter erlebt, dessen Arbeitsanweisungen klangen wie der Brunftruf eines Brontosauriers; zweifellos genoss er bei seiner Kundschaft höchstes Ansehen. Ein andermal arbeitete ich mit drei Mitarbeitern längere Zeit in einem weitläufigen Garten. Auf dem Nachbargrundstück befand sich ein Thujaheckenlabyrinth, das von zahlreichen Gartenzwergen bewohnt wurde. Wir hatten etwa eine Woche dort gearbeitet, als wir den Herrscher der Zwergscharen zum ersten Mal zu Gesicht bekamen. Er war schätzungsweise 86, hatte eine Figur wie ein schmelzender Schneemann und keuchte bei jedem Schritt - doch was die Lärmproduktion anging, hatte er unsere gemeinsame Wochenleistung mühelos innerhalb von 10 Minuten überflügelt. Man kann´s nicht beschönigen: der Naturgärtner hat zum Lärm einfach ein gestörtes Verhältnis.

Das geht so weit, dass er nicht etwa nur nicht kann, nein, er ist verstockt und will auch nicht. Er erdreistet sich, den Lärm sogar öffentlich zu schmähen, verlangt rücksichtslos nach Ruhe und behauptet frech, sich vom schallenden Fleiß seiner Nachbarn gestört zu fühlen.

P5130021_web2.jpgBegreife es endlich, du zänkischer Sektierer: Lärm ist etwas Schönes. Etwas Heiliges. Der Lärm des Menschen ist unantastbar. Sein kläffender 2-Takt-Mäher ist nicht einfach ein Gerät, sondern eine Manifestation, sein Reviergesang, sein Metall gewordenes Selbstbekenntnis.

Du willst es nicht hören? Dann wiederholt er´s gleich noch einmal und setzt mit dem Rasentrimmer ein Ausrufezeichen dahinter. So, - und nur so! - funktioniert das Geheimnis des Erfolgs. Wer am lautesten röhrt, ist der Platzhirsch und wer still ist, der ist nicht vorhanden. Merk es dir, Naturgärtner: Eigentlich gibt es dich gar nicht. Und daran werden auch deine Frösche und Igel nichts ändern.

 

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