Hinweis

Naturschutz auf dem Dach?

Dipl. Geograph Stephan Brenneisen

Extensive Dachbegrünungen mit Böden aus der Region

Die Rückeroberung
Städte als Konglomerate von Wohn- und Industriebauten zu einem hoch verdichteten Raum mit Strassen und Plätzen wurden lange als Gebiete angesehen, in denen die Natur implizit verdrängt wird. Erst in den vergangenen Jahren gelangten Bahnareale und andere wenig genutzte, typisch städtische Lebensräume verstärkt in das Blickfeld von Ökologen. Es wurde dabei entdeckt, dass die räumliche Vielfalt in der Stadt zu einer reichhaltigen Artengemeinschaft führt. Mit der Begrünung von Flachdächern wurde in jüngster Zeit ein Kreis geschlossen, in dem auf Dächern von Gebäuden Lebensraum an die Natur direkt zurückgegeben werden kann. Dabei haben bautechnische Fortschritte, aber auch das Überwinden der psychologischen Barriere, Pflanzen würden Dachabdichtungen von sich aus beschädigen, dazu beigetragen, dass sich die Begrünung von Dächern in den letzten Jahren immer mehr ausbreiten und etablieren konnte.

Naturschutz auf dem Dach?
Viele Tiere sind ausreichend mobil und Pflanzen haben entsprechende Ausbreitungsstrategien um auf die in luftiger Höhe exponierten Grünflächen auf Dächern gelangen zu können. Das Überleben nach der „Landung“, bzw. die Chancen einer erfolgreichen, dauerhaften Etablierung hängt dann mit den Bedingungen zusammen, welche sie dort vorfinden. Die kritische Phase ist dabei die Trockenzeit im Sommer. Bei längeren Hitzeperioden ohne nennenswerte Niederschläge können die Nährböden (Substrate) der Dachbegrünungen weitgehend austrocknen. In dieser Zeit stirbt oft ein Grossteil der Organismen ab. Am meisten bedroht sind dadurch die natürlicherweise kleinen Populationen von seltenen und schützenswerten Arten. Umfangreiche Untersuchungen der Spinnen- und Käferfauna begrünter Dächer in Basel haben gezeigt, dass sich innerhalb des trockenwarmen Naturraumes der Region Basel unerwartet viele Rote Liste Arten etablieren konnten. Die Vielfalt der Arten mit der Anzahl an schützenswerten Arten hing dabei entscheidend mit der Vielfalt an eingerichteten Strukturen zusammen, die einhergehen mit einem kleinräumigen Wechsel an Vegetationsformen. Die Lebensraumvielfalt auf Dachbegrünungen kann dabei mit einer unregelmäßigen Verteilung des Substrates problemlos und ohne Mehraufwand eingerichtet werden – größere flache Partien mit weniger Substrat werden kombiniert mit kleinräumigen Hügelbereichen bei statisch günstigen Stellen. Die Hügelbereiche bilden dabei auch feucht bleibende Überlebens- und Rückzugsräume in Trockenzeiten für Bodenorganismen.

Leider werden Dachbegrünungen heute in der Regel ausnivelliert und eben eingerichtet. Der Ordnungssinn führt so zu uniformen Lebensräumen mit identischen Standortbedingungen – ein krasser Widerspruch zum Anspruch der Vielfalt an Arten, die gefördert werden sollen. Verkannt wird, dass eine Vielfalt an Pflanzen und Tierarten auf den Dächern nur mit einer strukturellen Vielfalt bei der Einrichtung einhergehen kann. Dazu kommt, dass viele Dachbegrünungen aus Kostengründen mit nur geringmächtigen Substratschichten von ca. 6 cm eingerichtet werden. Dies führt dazu, dass hier oft nur anspruchslose Pionierarten leben können. Sommerhitze und Winterfröste dezimieren viele Populationen der Organismen derart, dass sich keine artenreichen Lebensgemeinschaften entwickeln können.

Natürliche Böden aus der Region als Dachbegrünungssubstrate
Mit dem Artenschutz verbunden ist auch die Frage der Substratwahl für die Begrünung von Dächern. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich bei der Vegetation typische Artenzusammensetzungen entwickeln, die mehr von den Substrateigenschaften abhängen wie von der reinen Wasserspeicherfähigkeit. Hinsichtlich einer Etablierung von naturraumtypischen Pflanzen ist demnach zu Berücksichtigung, dass möglichst regionale Böden, allenfalls mit einer dachspezifischen Aufbereitung, verwendet werden. Neben dem Aspekt des Arten- und Naturschutzes werden mit diesem Ansatz auch Überlegungen zur Nachhaltigkeit berücksichtigt. Im Gegensatz zu den technisch und meist energieintensiv hergestellten, bzw. aufbereiteten Schüttstoffen können mit dem Einsatz von natürlichen Böden aus der jeweiligen Region oder Recycling-Erden Ressourcen geschont werden. Bei der Verwendung von regionalen Böden ist die richtige Auswahl und allenfalls Aufbereitung ein wesentlicher Punkt. Mit angemessenen Feinboden- und Humusbestandteilen weisen sie in der Regel eine bessere, ökologisch relevante Wasserspeicherung auf, als lockere, technogene Substrate mit vielen Grobporen. Je mehr Wasser in Mittel- und Feinporen gespeichert werden kann, desto kürzer wird die für die Dachorganismen bedrohliche Trockenzeit im Sommer. Ein Blick zurück in die Geschichte der Dachbegrünung zeigt dabei, dass noch vor 20 Jahren – technische Substraten waren noch nicht entwickelt –nach Grundsätzen der Gartenbautechnik vorgegangen wurde und regionale Böden zum Einsatz gelangten, in einer Zusammensetzung die Drainage- und ökologische Ansprüche gleichermaßen erfüllen konnten.

Rezepte für Dachsubstrate aus regionalen Böden
Mit verschiedenen Untersuchungsansätzen wurde innerhalb der Forschungsarbeiten zum Thema Dachbegrünungen die Eignung von natürlichen Böden in verschiedenen Mischungen, Korngrößenzusammensetzungen und Humusgehalten als Substrate für Dachbegrünungen getestet. Solche Substrate können in Bezug zu Nachhaltigkeitsüberlegungen eine Alternative darstellen zu den heute in der Regel verwendeten Substraten aus vulkanischen Schüttstoffen oder Blähtonprodukten. Als ideal hat sich bisher eine hälftige Mischung von humosem Oberboden mit möglichst intaktem Krümelgefüge mit sandig-lehmigem Kiesunterboden erwiesen. Hier ergibt sich eine ausreichende Nährstoffversorgung für einen erfolgreichen Erstbewuchs sowie ausreichende Drainagewirkung. Speziell werden in den Versuchen auch die Auswirkungen von Oberflächenverkrustungen bei sandig-lehmigen Böden in den Trockenperioden sowie mögliche Verschlämmungsprobleme untersucht.

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