Natur-Erlebnis-Gärten
Dr. Reinhard Witt, D - Ottenhofen
Eine neue Dimension von Gärten
Die Weiterentwicklung der Naturgartenidee im vergangenen Jahrzehnt hat einen neuen, modernen, zukunftsweisenden Gartentyp geschaffen, den Natur-Erlebnis-Garten. Natur-Erlebnis-Gärten sind im Grunde naturnahe Gärten mit einem besonders hohen Erlebniswert für die Bewohner.
Der ursprünglich aus der Geschichte geborene Anspruch, dass Naturgärten ein Abbild der sie umgebenden Landschaft sein sollen, tritt hier stark zurück gegenüber einer neuen Öffnung. Nicht die Region und ihre typischen Pflanzen stehen im Vordergrund, sondern der Erlebniswert solcher Gartenanlagen. Es geht hier nicht um die Bewahrung von Wildpflanzenarten, die sich durch Gärten sowieso nicht retten lassen, sondern um eine möglichst vielfältige, an Sinneseindrücken reiche Welt, die gleichzeitig voll tierischen Lebens steckt. In diesem Sinne wird die Pflanzensoziologie untergeordnet: Die Pflanzenlisten in Natur-Erlebnis-Gärten schreiben keine Botaniker und Artenschützer, sondern Gärtner. Und wie alle Gärtner sind auch Naturgärtner kreative Gestalter. Sie schaffen Lebensräume mit heimischen Pflanzen und zaubern damit Menschen gemachte Paradiese. Mit ihren natürlichen Formen, betörenden Düften, den dezenten Farben, der Harmonie der Jahreszeiten und vor allem mit ihrer Tierwelt sprechen Natur-Erlebnis-Gärten Menschen im Herz an. Besonders Kinder sind berührt von dieser neuen Qualität eines Lebensraums Garten und möchten, einmal da, so bald nicht wieder weg. Ihnen gehört die Zukunft, und deshalb ist es uns eine ethische Verpflichtung, den Garten so zu schaffen, dass er keine vergängliche Mode sei nach Hochglanzkatalogen, sondern in sich, tief im Inneren verborgen Werte bietet. Überlebenswerte. Grundsätzlich unterscheiden sich Natur-Erlebnis-Gärten von konventionellen Gärten durch folgende Merkmale:
Vergleich zwischen herkömmlichen und Natur-Erlebnis-Anlagen
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| Herkömmliche Außenanlage | Natur-Erlebnis-Außenanlage |
Boden | |
| Anstehender Rohboden wird mit unkrauthaltigem Oberboden überdeckt | Verwendung und Begrünung des unkrautfreien Rohbodens |
| Unkrauthaltiger Oberboden wird standardmäßig auf alle Pflanz- und Saatflächen planiert. Dadurch nährstoffreiche Flächen. | Oberboden wird nur ausnahmsweise verwendet. Dadurch nährstoffarme (magere) Flächen. |
| Bodenverbesserung vorwiegend mit ortsfremden Material wie Torf, Hygromull, synthetische Dünger | Bodenverbesserung mit lokalem Kompost |
| Sand und Kies werden von Baustelle abgefahren oder mit Oberboden abgedeckt | Sand und Kies werden besonders gern begrünt |
| Gar nicht oder zu wenig modelliertes Gelände | Stark modelliertes Gelände |
Baustoffe | |
| Neue Baustoffe wie L-Steine, Betonstützmauer, Pflanzringe, Beton-, Naturstein-, Ziegelpflaster | Wiederverwendung gebrauchter Baustoffe (Bauschutt, Betonabbruch, Aushub vom Gelände)
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Bauten | |
| Bei der Gestaltung überwiegen gerade Linien und geometrische Formen | Bei der Gestaltung überwiegen natürliche runde organische Formen |
| Technische Nutzung überdimensioniert | Technische Nutzung mit Augenmaß |
| Große versiegelte Verkehrsflächen | Kleinmöglichste Versiegelung |
| Vegetationsfeindliche Bauweise mit abgedichteten Fugen, angepasst an Bedürfnisse von Kehrmaschine, Schneepflug und Laubsauger | Vegetationsoffene Fugen, Vegetation ausdrücklich erwünscht und eingesät |
| Ritzenvegetation unerwünscht und bekämpft | Ritzenvegetation erwünscht |
| Entwässerung über Rohrleitungen und andere technische Bauweisen (Rückhaltebecken, Rigolen) | Entwässerung über Oberflächenversickerung oder in Wasserspielgelände oder Naturteiche |
| Starre Randbefestigung (Einzeiler auf Betonbett) | Unstarre Randbestigung (Kies, Schotter) |
| Starre Gründung (Beton) | Unstarre Gründung (Kies, Schotter) |
| Zäune | Wildsträucherhecken und Wildblumensäume |
| Besiedlung der Bauwerke durch Pflanzen und Tiere auf keinen Fall erwünscht | Besiedlung ausdrücklich erwünscht (z.B. Pflaster, Trockenmauern, Wegränder) |
| Technische Spielgeräte, Sitzgelegenheiten und Spielräume aus dem Katalog | Nur beschränkter Einsatz von Katalogware. Natürlich gebaute Spiellandschaften, Sitzgelegenheiten/Spielräume. |
Pflanzen | |
| Schwerpunkt fremdländische und Zierpflanzen | Fast ausschließlich heimische Wildpflanzen und naturnahe Zuchtformen |
| Geringe Vielfalt durch Abdeckung mit nährstoffreichem Oberboden | Große Vielfalt durch Anpassung an örtliche Gegebenheiten und Standortveränderungen |
| Artenarmut. Großflächige Verwendung weniger Pflanzenarten | Artenvielfalt. Differenzierte Pflanzenauswahl für viele Standorte. |
| Pflanzabstände gleich | Pflanzabstände variabel |
| Schwerpunkt bei Gehölzen und Großbäumen | Kein Schwerpunkt. Gehölze, Bäume, Stauden, Zwiebeln und Einjährige sind gleichwertig. |
| Gehölzpflanzungen totgemulcht, ohne begleitende Krautschicht. Keine Säume. | Gehölzpflanzungen nur mit passender Krautschicht. Ansaat oder Pflanzung von Säumen. |
| Artenarme Rasenansaaten | Artenreiche Blumenrasen oder Blumenwiesen |
| Keine „Giftpflanzen“ | Giftpflanzen als umwelterzieherischer Auftrag. Einschränkung nur bei Kleinkindern |
| Keine Gehölze mit „Dornen“ und „Stacheln“ | Dornen- und Stachelsträucher bewusst als Abgrenzung |
| Wenig Lebensmöglichkeiten für Tiere | Ausgesprochen vielfältige Lebensbedingungen für Tiere |
Pflege | |
| Großer Pflegeaufwand bis zur Etablierung der Pflanzung | Standortgerechte Pflanzenwahl, nährstoffarme Böden und unkrautfreie Böden erfordern wenig Pflege. |
| Pflege durch Außenstehende. Pflegepersonal muss nur über wenig Kenntnisse verfügen. Ungelernte Arbeiter. | Pflege mit Benutzern nur mit hoch qualifizierter Anleitung. Externes Pflegepersonal muss über hohes Fachwissen verfügen. |
| Pflege verhindert natürliche dynamische Veränderungen der Pflanzflächen | Pflege ermöglicht natürliche Pflanzendynamik.
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Pädagogik | |
| Keine oder zu geringe Benutzerbeteiligung bei der Planung | Hohe und intensive Benutzerbeteiligung bei Planung. |
| Keine oder zu geringe Benutzerbeteiligung beim Bau der Anlage. | Hohe und intensive Benutzerbeteiligung beim Bau der Anlage. |
| Keine oder zu geringe Benutzerbeteiligung bei der Pflege. | Hohe und intensive Benutzerbeteiligung bei Pflege. |
Literatur:
Witt, Reinhard (2003): Wildpflanzen für jeden Garten. 1000 heimische Blumen, Stauden, Sträucher. Anzucht, Pflanzung, Pflege. BLV Verlag, München
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