Wie gefährlich sind unsere Giftpflanzen?
Birgit Gessner, D - Trier
Der Tod lauert hinter dem Gartenzaun!?
Es ist November.
Das Flammenspiel des bunten Herbstlaubes ist vorüber.
Aber viele Gehölze meiner Wildsträucherhecke haben noch einen weiteren Reiz der Natur aufzuspielen: wenn die Vögel noch nicht alles verspeist haben, ziert ein herrlicher Fruchtschmuck meine Hecken.
Besonders auffallend sind die roten, kugeligen bis länglichen Früchte von Schneeball, Vogelbeere, Mehlbeere, Heckenkirsche, Kornelkirsche, Berberitze, Eibe, Stechpalme oder die in diesem Jahr überaus zahlreichen orange-roten Fruchtkäppchen des Pfaffenhütchens. Aber auch die dunkleren Beeren des Ligusters, des Hartriegels, der schwarzen Heckenkirsche, der Schlehe oder gar die schwarzen Hagebutten der Bibernellrose bereichern das Auge – und den Speiseplan vieler Tiere.
Doch was Wald- und Erdmaus, Dompfaff und Rotkehlchen mit Vorliebe an Wildfrüchten verspeisen, sollte uns nicht zum Vorbild werden: viele der eben genannten Früchte sind giftig.
Dem Laien und erst recht den Kindern dürfte es schwer fallen, die Vielfalt an Sträuchern und Kräutern nach "giftig" oder "ungiftig" zu beurteilen. Aber auch von Experten wird es eine vollständige Liste für Giftpflanzen nicht geben, denn Giftigkeit ist ein relativer Begriff:
"Allein die Dosis macht das Gift"
Dieser Satz stammt von Paracelsus, einen mittelalterlichen Arzt. Schon damals hatte er erkannt, dass geringe Dosen eines Pflanzen-Wirkstoffes auf den menschlichen Organismus durchaus eine positive Wirkung haben können. Wird aber zuviel davon gegeben, so kehrt sich der positive Effekt in eine negative Wirkung um.
Aus einer Heilpflanze ist eine Giftpflanze geworden.
Wie steht es zum Beispiel mit dem uns allen bekannten schwarzen Holunder? Ist er eine Heilpflanze, ein Genussmittel oder gar eine Giftpflanze? Genau genommen ist er von jedem etwas!
Die Liste der ihm nachgesagten heilenden Wirkung von Wurzeln, Rinde, Blüten und Blätter ist lang. Schmackhafte Rezepte über Holunderblüten in Teig gebacken oder die Beeren zu Mus oder Marmeladen verkocht sind bei Kennern ein kulinarisches Muss auf dem Speiseplan. Wollen Sie aber, den Vögeln gleich, eine größere Menge der schwarzen Beeren roh genießen, so müssen Sie mit Übelkeit und Bauchschmerzen rechnen.
Betrachten wir noch die Bittermandel, die gerade in der Vorweihnachtszeit dem Gebäck, in geringen Mengen zugesetzt, einen typischen Geschmack verleiht. Aber schon 6-10 Bittermandeln roh verzehrt wirken für Kinder tödlich!
Diese Beispiele machen deutlich, dass der Übergang von einem Genussmittel zu einer Giftpflanze fließend ist, die Grenze der allgemeinverträglichen Dosis kann aber oft nicht so exakt gezogen werden, denn:
Der Wirkstoffgehalt kann je nach Standort und Sammelzeitpunkt von Pflanze zu Pflanze der gleichen Art sehr unterschiedlich ausfallen.
Die Wirkung der Inhaltsstoffe auf den Menschen ist auch nicht pauschal gleich: sie ist abhängig vom jeweiligen Alter, der Konstitution und nicht zuletzt auch vom Gesundheitszustand des Einzelnen. Und:
Die Wirkstoffe sind nicht in allen Pflanzen-Organen gleich verteilt.
So ist es allgemein bekannt, dass man gegen Bauchschmerzen nicht die Blätter sondern die Blüten der Kamillenpflanze zu einem Tee aufbrühen muss. Wer aber weiß, dass der rotfleischige Samenmantel der Eibenfrucht süß schmeckend und ungiftig ist, während das Zerkauen der Samen oder der Genuss von Blättern derselben Pflanze selbst ein Pferd töten kann?
Den Begriff "Giftpflanze" klar zu definieren, ist also gar nicht so einfach. In der Regel werden unter Giftpflanzen jene Bäume, Sträucher und Kräuter geführt, die Wirkstoffe enthalten, die auf den menschlichen und tierischen Organismus gesundheitsschädlich wirken können.
Bei dem Gedanken, sich "wider besseren Wissens" Giftpflanzen in den eigenen Garten zu pflanzen, fühlen sich viele Gartenbesitzer unwohl. Ja als Gartenplaner beobachte ich zuweilen sogar eine Art Hysterie, nach der sämtliche, in Frage kommenden Pflanzen in die Waagschale geworfen und als "gut" und "böse" abgestempelt werden. Und alles, was auch nur weitläufig mit Gift in Zusammenhang gebracht werden kann, wird vehement abgewiesen.
Diese Vermeidungsstrategie ist eine Sackgasse, denn wer kennt schon alle Pflanzen, die gesundheitsschädlich wirken können. Konsequenterweise müssten nicht nur diverse Bäume, Sträucher, Kräuter und Zwiebelblumen ausgeschlossen werden, sondern auch viele unserer beliebten Kübel- oder Zimmerpflanzen. Und wer dann im Glauben ist, im Nutzgarten sei alles "erlaubt", muss auch hier enttäuscht werden. Die grünen Früchte der Kartoffel sind ebenso giftig wie unsere Gartenbohne, roh genossen!
Auch mit größter Mühe ist es nicht ganz aus zuschließen, dass die ein oder andere Pflanze in unserem Garten bei Verzehr Bauchschmerzen und Übelkeit beschert. Aber wer von uns kaut sich schon durch seinen Garten?!
Vielleicht unsere Kinder!
Kleinkinder erforschen ihre Umgebung mit allen Sinnen. Sie zählen zu der gefährdetsten Gruppe und sollten grundsätzlich immer beaufsichtigt werden. Aber schon Kindergartenkinder kann man begreiflich machen, dass in der Natur nicht alles essbar ist, was schön aussieht. Sie sollten schon früh dazu erzogen werden, dass sie nur von der Pflanze essen dürfen, die sie ausdrücklich als Himbeere, Erdbeere oder Mohrrübe kennen gelernt haben. Generell gilt: Pflanzen, die man nicht kennt, sind tabu!
Sicherlich kann man die allgemein bekannten, stark giftigen Pflanzen im direkten Umgebungsbereich von kleinen Kindern weglassen. Hierzu zählen zum Beispiel die Eibe, das Pfaffenhütchen, der Seidelbast, der Goldregen, der Fingerhut oder der Eisenhut. Aufklärung tut trotzdem Not, denn sonst könnte ihr Kind die ersten, unliebsamen Erfahrungen im Park, im Nachbarsgarten oder beim Spaziergang in der Natur machen.
So gefährlich sich die Pflanzenwelt hinsichtlich möglicher Vergiftungen auch präsentiert, die Wirklichkeit sieht anders aus:
Laut statistischen Auswertungen der Beratungsstelle bei Vergiftungen, Universität Mainz gab es im Jahr 1997 knapp 2400 Anrufe wegen möglicher Pflanzenvergiftungen, bei Kindern (0-18 J.). Sie machen nur 27 % aller möglichen anderen Vergiftungen aus und sind zu 85 % ohne Symptome verlaufen. Das heißt, das der weit größte Anteil dieser Fälle ohne wirkliche Vergiftungserscheinungen verlaufen ist, weil entweder die Pflanze gar nicht giftig war oder weil zum Beispiel bestimmte Pflanzenteile zwar einmal probiert, dann aber wieder ausgespuckt worden sind. Die restlichen 15 % verteilen sich auf leichte (13,3 %) und mittelschwere Vergiftungen (1%), Rest unbekannt.
Betrachtet man sich die Anfragen, so stellen die so genannten Giftpflanzen nur einen Teil. Es handelt sich um Tabak (354 Anfragen) oder ätherische Öle (177). Bei den Pflanzen rangiert die Eibe vorn (152 Anfragen), gefolgt von Mahonie (123) oder Zimmerfeigenbaum (97). Das Spektrum der Verdächtigungen ist bunt: angefragt wurden Fälle mit ungiftigen Felsenbirnen genauso wie mit Löwenzahn, Kornelkirsche oder Berberitzen. In manchen Fällen ist wohl auch ein bewusster Missbrauch nicht auszuschließen, so beim Tabak, Stechapfel, Nachtschatten oder Äthanol.
Trotz giftiger Pflanzen in dieser Liste: schwere Vergiftungen, Defektheilungen oder gar der Tod sind gar keine vorgekommen, obwohl der Giftgehalt mancher Pflanzen dazu ausreichen könnte. Aber welches Kind isst schon freiwillig eine ganze Handvoll Beeren oder harter, pieksiger Nadeln mit bitterem, widerlichem Geschmack?
Vielleicht sollten wir statt Augen zu und Vermeiden lieber die Augen öffnen unter dem Motto: Beschauen, nicht kauen!
SeidelbastWie lieblich duftet uns im März der Seidelbast!
Doch innerwärts ist er voll Gift und Galle,
weil wir, in diesem Falle,
das Wunder nur beschauen sollen.
(Man muss nicht alles kauen wollen!)
K.H. Waggerl (aus: "Heiteres Herbarium", Otto Müller Verlag, Salzburg)
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