Hinweis

Der Sensenmann

Werner David, D - Erding

1.Mai

Weiße Flocken taumeln langsam zu Boden.

Unser Birnbaum beendet seine alljährliche Blühorgie mit ei­nem Regen von Blütenblättern, die meine nass ge­schwitzte Stirn mit weißen Ma­sern verzieren.

Fertig! Uff!

Aufatmend stelle ich die Sense zur Seite und ziehe den Stecker.

Jawohl, ertappt! Ich habe eine Motorsense, elektronischer Schandfleck in jedem Natur­garten. 430 W für 29,99 € bei Aldi. Schlappe 7 Cent pro Watt! Ich schäme mich ja auch an­gemessen.

Immerhin habe ich jahrelang von Hand gemäht, wie es sich ge­hört. Die Vor­stellung von der hohen Kunst des Sensens ist in der Re­gel massiv romantisch ver­klärt. Das Bild vom kernigen, blonden Groß­knecht, der im blütenweißen Hanfhemd sin­gend in den Son­nenuntergang schreitet, wäh­rend unter dem kraftvollen Schwung blit­zenden Stahls Reihe um Reihe des grünen Gol­des zu Bo­den sinkt, hat mit der Wirklich­keit wenig gemein.

Wenn ich selber die Sense schwinge - nicht mal ein Hanf­hemd habe ich, und statt zu sin­gen fluche ich höchstens ab und zu - wirkt das wasserblasen­trächtige Ender­gebnis, als ob ein nicht mehr ganz nüchternes, weit­sichtiges Schaf ohne Brille am Werke gewesen wäre. Re­gelmä­ßig bleiben einige meiner Lieb­lingsstauden auf der Strecke, das Zielradar bei Sensen lässt zu wünschen übrig.

Außerdem ent­wickelt die Klinge eine fatale Neigung, innigen Kontakt mit Teppichstangen und Zaunsäulen einzugehen und sieht dement­sprechend aus wie ein Specht­schnabel, der auf Stahlbeton ge­hämmert hat. Abhilfe könnte der legendäre Dengelhammer schaf­fen, aber den kenne ich nur aus Romanen von Ludwig Gang­hofer, live ist mir noch kei­ner über den Weg gelaufen, ge­schweige denn, dass ich wüsste, wie man ihn benutzt.

Die Motorsense ist laut, hässlich und natürlich zu­tiefst verdam­menswert.

Aber verdammt praktisch!

Ein Nylonfaden dreht völlig durch und macht auf Muskel ­schonende Weise kurzen Prozess mit allem, was ihm in die Quere kommt. Ich kann problemlos ein­zelne größen­wahnsinnige Gras­büschel für eine radikale Schur heraus­picken, Wege in unsere Wiese fräsen oder Brennnesseln in kleine Scheib­chen hacken (die haben schließlich ihr eigenes Beet). Zaunsäulen und Haus­wände ha­ben ihren Schrecken verlo­ren, außer einem frustrier­ten Nylonfaden mit Gehirn­erschütte­rung droht keine Gefahr mehr.

Wunder der Technik!

Über dem nie­dergemähten Grün liegt ein intensiver, lauchartiger Duft.

Giersch, der Kö­nig des Schatten­reichs, macht sich hier posthum bemerkbar. „Posthum“ ist leider Gottes nur reines Wunschdenken; lediglich eine kurze Ver­schnauf­pause habe ich gewon­nen.

Aegopodium podagraria
Der Giersch

Der hartnäckige, weiß blühende Doldenblütler hat einen ausge­sprochenen „finsteren“ Cha­rak­ter. Er wuchert noch bei ei­ner Lichtintensi­tät, die den mei­sten Stauden das Genick bricht und nutzt diese Überlegenheit schamlos aus.

Am Rande unse­rer Hecke und unter dem Birn­baum gedeiht - rein theoretisch -„Diane“, eine schattige Blu­men­hecke aus 31 verschiedenen Ar­ten. Stand zumindest auf der Sa­men­packung. Die einzelnen Sa­men werden in der Walpurgis­nacht von Elfen mit makellosem Stammbaum ge­erntet, in Blatt­gold gehüllt und handsigniert. Das vermute ich zu­mindest bei die­sem Preis.

Unglücklicher­weise betrachtete der Giersch die Ansaat als Ein­ladung zum so­for­tigen Einzug und setzte sich be­geistert ins gemachte Nest. Selbst Turbo­keimer haben es ausge­sprochen schwer, sich ge­gen den Herrn der Finsternis zu behaup­ten. In­zwischen bildet er ge­schlossene, reinrassige Be­stände und un­ternimmt von dort aus kühne Vorstöße in die Wiese.

So nicht, mein Freund!

Da hilft nur noch der Frontal­angriff mit ge­zückter Grabga­bel. Rechnen Sie mit dem Schlimm­sten!

Der Kampf ge­gen den Giersch gehört zu den finstersten Kapi­teln eines Gärt­nerdaseins und das nicht nur, weil er sich im Schat­ten ab­spielt. Schon Jahrmillionen vor Bill Gates und Microsoft hat diese Pflanze das Prinzip der to­talen Vernetzung verwirklicht. Jede Einzel­pflanze surft über lange, bräunliche Ausläufer im Giersch-Internet, die Ausläufer sind im Schnitt doppelt so lang wie die Ausdauer des grimmig­sten Gärtners. Egal wie oft Sie denselben Fleck durchwühlen, Sie werden immer noch ein wei­te­res Exemplar dieser Bio­spa­ghetti entdecken.

Die Halt­barkeit ist vergleichbar mit einer mürbe gekochten Glas­nudel. Auch bei unendlich behut­samer Vorgehensweise wird Ihnen das verdammte Ding ir­gendwann ab­reißen. Wenn Sie in diesem Mo­ment ihr Ohr ganz nah an den Boden bringen, wer­den Sie ein leises, schadenfrohes Kichern hö­ren.

Und aus jedem noch so winzigen Bruchstück entsteht schon bald ein glückliches, kleines Gierschbaby...

Im Lauf vieler Gärtnergeneratio­nen haben sich einige klassische Bekämpfungsmethoden heraus­kristallisiert:

1. Die kulinarische Methode nach Paul Bocuse:
Wenn Sie im Akkord kauen und sämtliche Kaninchen der Nach­barschaft einspannen, können Sie in Form von Gierschsalat und -gemüse gewisse Achtungs­erfolge bei der Bekämpfung er­zielen.

Der Geschmack ist nicht schlecht, aber spätestens nach vier Wochen werden Sie gierig die Ketchup-Flasche packen, wenn der Nachbarsdackel vor­beiläuft.

2. Verpackungsmethode nach Christo:
Decken Sie das „infizierte“ Ge­biet ab. Großzügig! Denken Sie an die unterirdischen Ausläufer, die bereits hinter ihrem Rücken auf eine Chance zum Durchbruch lauern.

Big Giersch is watching you!

Kochender Asphalt ist wirkungs­voll, kann aber auch das Ge­samterscheinungsbild der be­handelten Hecke geringfügig ver­ändern.

Rindenmulch müssen Sie großzü­gig verwenden. Eine Schicht­dicke von zwei Metern reicht allerdings völlig aus.

Bewährt hat sich eine mehrere Zentimeter dicke Schicht aus Zeitungen oder stabile Plastik­folie, vorausgesetzt, Sie lassen auch nicht das kleinste Schlupf­loch frei. Boshafte Fragen Ihrer Nachbarn, ob Sie unter die Ver­packungskünstler gegangen sind und ob als nächstes der Reichstag auf dem Programm steht, können Sie mit einer tarnenden Mulch­schicht vermeiden. Nach ei­nem Jahr Wachstum im Dunkeln geht in der Regel sogar Giersch die Puste aus.

3. Die klassische Methode nach Sisyphus:

Jäten, jäten, jäten....

Viel Spaß! Laut wissenschaftli­chen Studien beträgt die Wahr­scheinlichkeit sämtliche Ausläu­fer zu erwischen ca. 1:4711. Ur­sache ist die Fähigkeit der Pflanze zum GABB (Gierschausläuferbruchstück-Beam), die wohl einmalig im Pflanzenreich ist.

Bei akuter Gärtnergefahr beamt ein winziger Prozentsatz spezi­eller Ausläu­ferteilchen in den Hyperraum und kehrt erst zu­rück, wenn die Luft rein ist.

Das glauben Sie nicht?

Dann haben Sie noch nie Giersch gejätet.

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Werner David
85435 Erding, 2004
E-Mail: wernerimweb@web.de


Für alle Freunde der Lachfältchen:
Die mannigfachen Freuden des Naturgartens: www.bauches-lust.de/naturgarten/index.html

 

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