Hinweis

Orchideen - Mogelsex

Werner David, D - Erding

Gehst du zum Weibe - vergiss die Brille nicht!

Blüten sind den Wildbienen von Herzen zugetan, denn dank dem Insekten-UPS der Lüfte wird der Pollen fristgerecht an der richtigen Adresse abgeliefert und sorgt damit für eine korrekte Bestäubung der jeweiligen Art. Als Gegenleistung lassen sich die Pflanzen nicht lumpen und spendieren Nektar als energiereichen Flugsprit und eiweißreichem Pollen als Bio-Alete für die Bienenmaden. Die einheimische Orchideengattung Ophrys (Ragwurz) setzt dem ganzen die Krone auf:

Sie bietet ihren Bestäubern, vor allem Männchen der Erdbienen (Andrena) und der Langhornbienen (Eucera), einen ganz speziellen Service:

Sex!

Genau genommen „Mogelsex“, denn sie führt die paarungshungrigen Bienenmännchen schamlos an der Nase herum, und hält letztendlich doch nicht, was sie so verführerisch verspricht.

Zu diesem Zweck imitiert die Orchideenblüte die Umrisse eines Insektenweibchens, um die Bienenmännchen zur Kopulation zu verlocken. Der IQ liebestrunkener Männchen wird in der Regel sowieso nur knapp über Null angesiedelt, aber ein Blick auf die entsprechende Blüte führt zunächst nur zu ungläubigem Kopfschütteln. So blöd kann doch nicht einmal ein Männchen sein! Aber die Blüte hat es faustdick hinter den nicht vorhandenen Ohren!

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in der Dämmerung durch einen Park und plötzlich weht Ihnen ein süßer, absolut verführerischer Parfumduft um die Nase. Vermutlich werden Sie sich unwillkürlich umsehen, um das entsprechende „Weibchen“ zu orten. Genau diese Methode wendet nun auch die Orchidee an. Insekten orientieren sich bei der Suche nach dem Weibchen in erster Linie an den Sexualduftstoffen, die dieses verströmt. Durch den Duft dieses hochkomplexen, chemischen Substanzgemisches werden die Männchen bereits aus weiter Entfernung angelockt. Die Orchidee greift also kurzerhand zur chemischen Trickkiste und parfümiert sich, und sie verwendet fast exakt die gleiche Marke wie die Bienenweibchen. Ein Tarnmäntelchen aus Wohlgerüchen! Raffinierter geht es wohl nicht mehr.

Ein Bienenmännchen dem dieser überaus verlockende Duft in die Fühler sticht wird sofort einen Bogen schlagen um sich seiner vermeintlichen Angebeteten zu nähern. Bei den optischen Schlüsselreizen existiert dann offensichtlich nur noch ein relativ grobes Raster.

Typisch Mann!

Die Lippe der Blüte ahmt den Hinterleib des Weibchens nach und stimmt damit in der Größe überein. Außerdem besitzt sie ein stark reflektierendes Farbmal, den „Spiegel“ der die zusammen gelegten und ebenfalls stark reflektierenden Flügel eines Insektes imitiert. Zusammen mit dem passenden Duft reicht das zunächst einmal völlig aus um das Bienenmännchen zur Landung zu verführen. Die Blüte atmet erleichtert auf und reibt sich triumphierend die Blütenblätter. Hab ich dich!

Wer je seine Liebste im Arm gehalten hat, wird die die Wirksamkeit der letzten, noch fehlenden Reizgruppe bestätigen: Berührungsreize (taktile Reize).

Sie können sich doch sicher erinnern!

Duft und grobe Form der Orchideenblüte haben das Bienenmännchen bisher überzeugt, aber jetzt gibt ihm die Blüte noch den Rest, um auch nicht den Schatten eines Zweifels aufkommen zu lassen. Dichte, Länge, Strich und Elastizität der Behaarung entsprechen weitgehend dem Abdomen eines Weibchens, auch die Krümmung der Blütenlippe passt perfekt. So viel Raffinesse ist ein schlichtes Bienenmännchen nicht gewachsen, er wähnt sich am Ziel all seiner Hoffnungen und leitet die Kopulation ein. Spätestens dann wird es allerdings stutzig, denn irgendwie ist das doch alles ganz anders, als es sich gehört. Wir wissen nicht ob ein Bienenmännchen Frustration empfinden kann, auf alle Fälle wird es nach einigen fruchtlosen Begattungsversuchen das Handtuch werfen und sich wieder aus dem Staub machen.

Aber nicht allein!

Bei den Orchideen staubt der Pollen nicht einfach nur unordentlich durch die Gegend, die Inhalte der Pollensäcke sind zu einem so genannten „Pollinium“ vereinigt. Es sieht ein bisschen aus wie eine lang gestielte Keule und ist am Ende mit einer Klebescheibe versehen.

Sie ahnen was jetzt kommt? Genau!

Bei den fruchtlosen Paarungsversuchen stößt das Männchen mit dem Kopf exakt gegen die Klebescheiben und bekommt so unweigerlich die Pollinien angeheftet. Der Duft der nächsten Blüte wird das Männchen unweigerlich wieder in seinen Bann ziehen, dabei wird der Pollen übertragen und die Orchidee hat ihr Ziel nun endlich erreicht. Nicht ganz einfach, aber sehr wirkungsvoll.

Abschließend noch ein paar Worte zur Ehrenrettung der so trickreich gefoppten Männchen. Die Bienenmännchen schlüpfen einige Zeit vor den Weibchen, das heißt es gibt zunächst einmal gar keine „echten“ Weibchen. Nur die verführerischen Ophrys-Blüten! Kann man den armen Männchen daraus einen Strick drehen, wenn sie jetzt schwach werden? Auch nach dem Schlüpfen der Weibchen sind die Männchen deutlich in der Überzahl, das heißt es wird immer wieder einer der Freier, der noch kein „richtiges“ Weibchen entdeckt hat, den Verlockungen der Orchidee erliegen.

Eine Kuriosität noch zum Schluss:. Die gelbe Ragwurz (Ophrys lutea) wird von Erdbienen der Gattung Andrena bestäubt. Stellt man ein Bienenmännchen vor die Wahl zwischen Andrena-Weibchen und Ophrys-Blüte, interessiert es sich ausschließlich für die Blüte, d.h. die Attrappe übertrifft in ihrer Wirksamkeit sogar das Original, eine so genannte „übernormale“ Attrappe!

Ophrys lutea, die ungeschlagene Sexbombe unter den Orchideen.

Wie schön, dass wir keine Bienenmännchen sind!

Literatur:
Dieter Heß (1983): Biologie der Blüte.Ulmer Verlag. ISBN 3-8001-6147-8

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Werner David
85435 Erding, 2004
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Für alle Freunde der Lachfältchen:
Die mannigfachen Freuden des Naturgartens: www.bauches-lust.de/naturgarten/index.html

 

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