Hinweis

Ein wahrer Naturfreund

Werner David, D - Erding

Tag der offenen Tür im Na­tur­garten von Dr. R. Witt, Natur­gar­ten e.V.“... steht in schwungvollen Lettern auf dem Flugblatt. Der Leser, ein Wetter gegerbter, zerknitterter Endfünfziger stellt das Schneckenkorn beiseite und schnaubt verächtlich.

Naturgarten!

Wenn er so was schon hört. Wie sieht denn bitte ein Un-Naturgarten aus?

Plastikrasen?

In punkto Garten kann ihm kei­ner was vormachen. Schließlich ist er nicht umsonst Grün­dungs­mit­glied des Garten­vereins „Zur lauschi­gen Thuja“. Im­mer mit gutem Bei­spiel voran, ein Ökologe der ersten Stunde.

War er nicht einer der ersten, der seinen Rasenmäher auf blei­freies Benzin umgestellt hat? Sein Ver­ti­kutierer läuft sogar mit Kat!

Der Nachbar meckert immer von we­gen Ruhe­stö­rung. Aber nachts quaken dann seine bescheuerten Frösche mit einer Lautstärke, als würde Pa­varotti persönlich abgestochen.

Rücksichtslos so was!

Einmal Froschschenkel und das Pro­blem wäre gelöst. Vielleicht kann man ja irgendwo einen Storch mieten.

In seinem eigenen Garten ist Gott sei dank alles tipptopp.

Hut ab vor der Chemie kann er da nur sagen!

Keine bei Voll­mond gerührten schleimigen Kräuterbrühen, kein zum Himmel stinkender Brennnesselsud, keine geraspel­ten Kuh-Hörner oder ähnlich abergläubischer Unfug. Und welche Phase der Mond gerade hat ist ihm auch ziemlich wurscht.

Bei ihm kriegt die Pflanze was sie wirklich braucht. Nicht mehr und nicht weniger.

Ohne Fungizide, Insekti­zide, Herbi­zide und all die anderen feinen Sachen sähe die Natur inzwischen ganz schön alt aus!

Aber anständige Chemie bitte!

Auf keinen Fall gentechnisch verhunzten Mist. In punkto Ökologie ist er eisern, da ver­steht er keinen Spaß.

Für die Na­tur nur das Beste, das ist seine Devise. Klar kommt das teuer, aber es lohnt sich!

Schon dreimal hat er den be­gehrten goldenen Garten­zwerg als Trophäe für den or­dentlich­sten Garten ein­ge­heimst. Das soll ihm da erst mal einer nachma­chen.

Seine Thu­jenhecke zum Beispiel: Steht akkurat wie eine Eins! An den Kan­ten kann man sich ra­sieren. War auch viel Arbei
Und davor die chinesischen Fichten und die sibirische Blautanne. Wegen der Arten­vielfalt!

Ein grünes Bollwerk gegen die­sen alternati­ven Müslimampfer mit seinem Möchte­gernrasen ne­benan. Da wachsen sogar Gän­seblüm­chen. Und Lö­wenzahn! Unglaublich!! Der Typ mäht aber auch nur alle paar Mo­nate. Liegt gemütlich in der Hängematte und schaut den Krab­belviechern zu, statt seinen Allerwertesten in Bewegung zu setzen und zu jäten.

Flowerpower-Heini!

Muss man sich mal vorstel­len, ständig der Ärger mit den verflixten Flug­sa­men. Eigent­lich ja Hausfrie­dens­bruch! Die respektie­ren über­haupt nichts! Kaum dreht man sich kurz um, schon schießt der Dschungel in die Höhe.

Zur besseren Verteidigung hat er sich jetzt den neusten vollauto­matischen Rasen­schutz, Modell „Vendetta“, gelei­stet.

Klei­ner als ein Schuhkarton aber bis zur Halskrause voll mit High Tech.

Solarzellenbetrieben, ver­steht sich ja von selbst. Al­terna­tive Energien und so! Auf den er­sten Blick sieht die Kiste aus wie ein hoch­bei­niger Spielzeug-Panzer, aber die Kleine hat’s in sich.

Der optische Sensor an der Unterseite registriert mit Argusaugen Unkraut jeder Art.

Das nenne ich Fortschritt!

Je­der illegal eingewanderte Keim­ling wird un­verzüglich mit einem kurzen Flam­menstoß in den Kräuter­himmel be­fördert.

Mit umweltfreundlichem Propan­gas!

Beim ersten Einsatz hat er allerdings fünf Reihen Radieschen und sämtliche Kopfsalat-Pflänzchen verloren. Und die Nachbarskatze hat seitdem ein versengtes Schwanzende.

Der Kundendienst hat aber alles so­fort neu programmiert. Kom­petente Leute! Die Kröte neulich hatte leider trotzdem Pech, da war nichts mehr zu retten.

Sonst achtet er schon auf irgend­wel­che Reptilien, erst neulich hat er einen Frosch in die Re­gentonne gesetzt. Nach vier Wochen ist er leider tot in der Tonne ge­schwommen, ver­mutlich war er schon alt.

Später will er das Gerät noch zusätzlich mit dem Anti-Wurm-Modul auf­rü­sten. Damit er endlich den Ärger mit diesen Wurmhäufchen los hat. Nichts gegen Würmer, aber bitte wo anders.

Ein paar kleine, harmlose Stromstöße und schon düsen sie wie der Blitz nach oben.

Das ganze rosa Ge­schlängel schmeißt er dann heimlich zu diesem Hanfhosen-Hippie nebenan. Wenn bei dem ein paar Pflanzen ein­ge­hen, fällt es so­wieso nicht auf.

Sauverhau, liebloser!

Grimmig setzt der Liebhaber grü­ner Freuden seine Lek­türe fort.

„Blumenwiesen“?!
Blühender Unsinn!
Da sieht man ja vor lauter Un­kraut den Rasen nicht mehr.

Soll er vielleicht die Sense schwin­gen wie Ge­vatter Tod per­sönlich? Eine lächerliche Vorstellung! Schließlich trägt sein Ra­senmäher den blauen Umwelt­schutzengel.

Fin­sterste Stein­zeit so was!

Hat dieser Typ noch nie was von Allergien ge­hört? Die ganze Ge­gend mit diesem ver­dammten Blü­ten­staub ver­sauen, so was kann auch nur ei­nem Akademiker einfal­len. Sich mit rot verschwollenen Augen die Seele aus dem Leib zu niesen!

Nicht zu fassen!

Und das ganze Viehzeug!

Der Naturfreund kratzt sich unwillkür­lich erschau­ernd. Soll man denn nicht mal mehr sein red­lich ver­dientes Bier im Garten trinken können, ohne dass sich so­fort Horden von irgendwelchen Kami­kazi-Krab­belviechern darin erträn­ken?

Zum Glück gibt es diese prak­ti­schen UV-Lampen. Biolo­gisch ab­solut unbe­denklich, darauf achtet er konsequent. Das Vieh­zeug wird vom Licht ma­gisch an­gezogen und landet auf ei­nem elek­trisch gelade­nen Me­tallgrill.

Das war´s dann, kurz und schmerzlos.

Nützli­che Bien­chen sind um diese Zeit sowieso nicht mehr un­terwegs. Die fet­ten Nacht­fal­ter platzen mit einem Knallen fast wie Popcorn, ir­gendwie ge­müt­lich.

Schmetterlinge sind natürlich et­was ganz anderes, die gefallen ihm. In seiner Thu­jenhecke hat er geschickt zehn tro­pische Ex­emplare aus witte­rungs­festem PVC pla­tziert. Viel größer und farbenprächtiger als die ein­heimi­schen Micker-Arten. Im Winter sieht es be­sonders hübsch aus. Aber für Schönheit hat dieser komische Schreiberling vermutlich kein Ver­ständ­nis.

Mit einem empörten Schnau­ben widmet sich der Freund der Schmetterlinge weiter dem schon bedrohlich zer­knüllten Informati­ons­blatt.

737061_0013_web2.jpg„Feuchtgebiete“!
Uralte Kamellen!

Sein Teich geht schon ins zehnte Jahr. Die kleine Burgruine am Rand hat er mit eigenen Händen betoniert. Auf Garten­zwerge­kitsch steht er nämlich nicht. Seit er re­gel­mäßig einen Löffel WC-Frei einstreut, hat er endlich keinen Ärger mehr mit dem schleimi­gen Algen­zeug. Seit­dem ver­stopft auch der kleine Spring­brunnen nicht ständig.

Manchmal findet er tote Vö­gel, aber nur ganz selten. Die haben vermutlich beim Nach­barn ir­gendwelche gif­tigen Raupen er­wischt. Oder Haschisch! Kein Wunder in dem Ver­hau!

Würde bei ihm nicht passie­ren!

Er hat sogar drei selbstgebaute Nistkästen aus stabilem Blech auf­gehängt, weil er die Vögel so gerne singen hört. Extra mit durchsichtigem Dach, dass er alles gut beobachten kann.

Vor­sichtshalber hat er das ganze dann noch mit Sagrotan desinfi­ziert und dick mit Floh­pulver bestäubt, damit die armen Vie­cher sich nicht ständig krat­zen müssen.

Schade, dass die Kästen bisher noch nie besetzt waren. Liegt si­cher an diesen Mistkatzen vom Nachbarn.

Und im Winter füttert er bei je­dem Wetter, da kennt er nichts, Arten­schutz ist schließlich selbstverständ­lich für einen en­gagierten Natur­liebhaber.

Statt die Zeit mit albernen Flugblättern zu vertrödeln wie dieser Dr. Witt hier, ist er ein Mann der Tat. Er packt an, wo es Not tut.

Der Naturschutz braucht Leute mit Engagement.

Ein letztes Mal gleitet sein Blick über das ramponierte Flugblatt. Plötzlich schwellen seine Schlä­fenadern bedrohlich.

„Totholz“!
Also, das ist ja echt das Letzte!
Da sind diese degenerierten Birkenstock-Freaks zu geizig sich einen ver­nünftigen Schred­der zu kaufen, schmeißen den gan­zen Müll auf ei­nen Haufen und nennen das Ganze dann hochtrabend ein Biotop.
„Der natürliche Kreis­lauf von Werden und Verge­hen“! Sehr richtig, da vergeht ihm wirklich alles!

Keinen Schimmer von wertvol­len Rohstoffen diese Möchte­gernökofritzen.
Berge von vergammeltem Holz!

Pfui Teufel!

Schimmel gehört auf den Käse, aber doch nicht in den Garten. Weiß der Teufel, was da alles an Krankheitserregern drinsteckt? Vermutlich BSE und Viren und lauter so Zeugs. Termiten und Flöhe schleppt man sich wahr­scheinlich auch ein. Und wie das aussieht!

Müllkippe vom Feinsten!

Seine Biotonne ist immer rand­voll, deshalb könnte man von sei­nem Rasen sogar essen. Schönes, gesundes Grün, wie es sich für einen artgerechten Rasen gehört.

Seit er gelesen hat, dass Aktiv­kohle üble Gerüche bindet, wirft er immer noch ein Bri­kett in die Biotonne. Aus Rücksicht auf die Um­welt. Da schaut er auch nicht aufs Geld. Leider sind nicht alle so rück­sichtsvoll wie er.

Das zerknüllte Flugblatt fliegt im hohen Bogen über die preis­ge­krönte Thujen­hecke. Ist ja biolo­gisch ab­baubar, vielleicht taugt es wenig­stens als Dünger!

Mit frischem Schwung holt der Na­tur­freund die vielfach be­währten Wühlmausgas­patro­nen aus dem Schuppen. Sollen die Viecher bei seinem chaotischen Nachbarn glücklich werden, aber hier nerven ihn die hässlichen Haufen.

In der Dämmerung beginnt eine Nachtigall ihr schmel­zen­des Lied. Der Naturfreund lauscht ergrif­fen und schämt sich sei­ner Trä­nen der Rüh­rung nicht.

Was gibt es Schöneres, als ein Leben im harmonischen Einklang mit den Gesetzen der Natur!

Copyright ©
Werner David
85435 Erding, 2004
E-Mail: wernerimweb@web.de


Für alle Freunde der Lachfältchen:
Die mannigfachen Freuden des Naturgartens: www.bauches-lust.de/naturgarten/index.html

 

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