Hinweis

Frühjahrsfrust

Werner David, D - Erding

Mitte Februar an einem lausi­gen Wintervormittag.

Schmutzig-graue Wolken lau­ern mit zusammengekniffenen Beinen auf ein lohnendes Ziel um endlich lospinkeln zu kön­nen, ein eisiger Wind verhunzt auch die letzten gemütlichen Plätze im Freien. Bäume und Sträucher „kahlen“ armselig vor sich hin, keinerlei saftiges Grün in Sicht. Es ist klamm, kalt und absolut krätzig drau­ßen. Als der Herr den Winter schuf, muss er wirklich in einer saumäßigen Stimmung gewe­sen sein.

Die Thujahecke vom Nach­barn hat sich ein „lähdschades“ (auf Hoch­deutsch: unknacki­ges) Make-up in kränkelnden Braun-Grün-Tönen zugelegt, das ihre natürliche Schönheit noch verstärkt. Von wegen Immergrün!

Die Wildhecke am Grund­stücksende reckt mir vor­wurfsvoll die nackten Zweige entgegen, als wollte sie sagen: „Unternimm gefälligst was! FKK hängt mir zum Hals raus.“

Ich kann doch nichts dafür! Ehrlich!
Wenn es nach mir ginge würde ich den Winter er­satzlos streichen. Zugegeben, er hat auch seine positiven Seiten. Zum Beispiel geht er wieder vorbei. Und wann kriegt man schon gratis eine so herrliche Depres­sion? Für Gletscher­flöhe und Pinguine ist es sicher eine Fetzengaudi. Aber die schmachtende Gärt­nerseele dörrt, wie eine Qualle auf dem Backblech.

Jeden Quadratzentimeter Garten habe ich geistig mehr­fach durchpflügt, meine Na­turgartenbücher kenne ich langsam auswendig und tau­send grüne Ideen spuken un­geduldig durch meinen Kopf. Die Blu­mentöpfe harren auf Fül­lung, die Samentüten auf Leer­ung und ich will endlich raus.

Himmel, das nervt!
Voller Verzweiflung kratze ich in unserer einzigen Topf­pflanze, einem Christusdorn. Jeden Sommer darf er zurück zu seinen einheimischen Wolfsmilchverwandten im Garten.
Es wird höchste Zeit, wieder frische Erde zwi­schen den Fingern zu spüren.

Naturgärtner stehen unter dem Schutz des mächtigen, schwarzen Halb­mondes. Er besteht aus Sand oder Ma­gererde und befindet sich un­ter den Fin­gernägeln der Lieblingsbud­delhand. Re­gelmäßig erneu­ert schützt er den Garten vor Thuja­hecken, Golfrasen und über­züchtetem deutschen Ord­nungsdenken.

Die typische Natur­gärtner­hand erkennt man au­ßerdem an den Schwielen, die beim Ausschachten von Feucht­biotopen, Aufschichten von Steinmauern und Verle­gen von Naturpflastern entste­hen. (Rasenmähschwielen führen dagegen zum sofortigen Aus­schluss aus dem Verein).

Weitere Bestimmungs­merk­male sind ei­nige tiefe Kratzer (Wildrosen haben ei­nen sta­cheligen Cha­rakter), 1-2 Brandblasen (das Ver­schwei­ßen von Teichfo­lien will ge­lernt sein) und ein blut­unter­laufener Daumen­nagel (am Besten nur fertig behauene Sandsteine verwen­den).
Diese Wunder­werke der Biologie liegen nun untätig im Schoß und drehen die ge­prellten Däum­chen .

Fad, fad, fad!
Ich flüchte mich in den kahlen Gar­ten.
Es nieselt! War ja zu erwar­ten.

Schon seit einigen Tagen schleiche ich ausgehungert um den Kasten mit den Frühjahrs­blühern, wie Dracula um die Blutbank. Ungeachtet meiner grimmigen Blicke rührt sich absolut nichts. Keine Spur von Buschwindröschen, Le­ber­blümchen und Lungen­kraut. Nicht das kleinste Fitzelchen von Küchenschelle, Frühlings­platterbse oder Früh­lingsge­denkemein. Das einzig Grüne ist ein überwinternder Kau­gummi hinten links.

Wo zum Teufel stecken sie denn alle? Der bittersüße Nacht­schatten ringelt sich um das Kletterge­rüst wie eine ma­gersüchtige Anakonda und verweigert ebenfalls jede Knospe.

Lediglich eine dicke Schicht Laub rottet lustlos vor sich hin. Verständlich, schließlich gibt es originellere Beschäf­ti­gungen.

Glücklicherweise hat ein Na­tur­gärtner im Laufe seines Wirkens tiefe Einblicke in die Lebens-Zyklen der Pflan­zen gewonnen. Dieses fun­dier­te Wissen ermöglicht es ihm, mit heiterer Zuversicht abzu­war­ten, bis die Natur ih­ren Lauf nimmt.

Ein Stunde später wächst im­mer noch nichts!
Langsam werde ich unruhig!

Vielleicht ist ja irgendetwas passiert! Möglicherweise hat sich die frostresistente, sibiri­sche Schlemmerschnecke (Lagnesia horribilis) über meine Schützlinge herge­macht. Oder der Gefrier­brand wütet. Eine Wühlmaus könnte die winterliche Diät aufgebes­sert haben, um an­schließend geschickt die Spuren zu ver­wischen. Mistvieh elendes! Unter der Laubschicht könnte akuter Sauerstoffmangel herr­schen, der eine unverzügliche Mund-zu-Blatt-Beatmung er­forderlich macht.

Mir wird ganz anders!
Hier hilft nur rasches Han­deln! Nach einem sichernden Blick in die Runde - wer ris­kiert schon gerne dumme Be­merkungen vom Nachbarn - schäle ich vorsichtig die schüt­zende Laubschicht ab.
Uff! Mir fällt ein Stein von Herzen.

An mehreren Stellen dringen winzige, schaschlikspießartige Spröss­linge energisch nach oben. Nur doppelt so dick wie der Bizeps einer Ameise, aber immerhin! Ein Anfang ist ge­macht. Das Frühlingsfinger­kraut hat ein ganzes Netz von filigranen Blättchen gespon­nen, die an dünnen Ausläufern über den Boden „wuseln“. Pralle, silbrig behaarte Knos­pen zeigen, wo die Küchen­schelle in den Startlöchern steht. Die Früh­lingsplatterbse schickt ein gan­zes Büschel hakenförmig ge­krümmter, rötlich überlaufener Ärmchen an die Oberfläche. Ein richti­ger Kraken-Kin­dergarten.

Alles in bester Ordnung, ich hab´s ja gleich gewusst! Die Botanik bläst endlich zum An­griff!

Hallelujah!

Copyright ©
Werner David
85435 Erding, 2004
E-Mail: wernerimweb@web.de

Für alle Freunde der Lachfältchen:
Die mannigfachen Freuden des Naturgartens: www.bauches-lust.de/naturgarten/index.html

 

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Unter Beachtung unserer Hinweise ist er zur Veröffentlichung frei gegeben.