Ein Garten ohne Pflege?
Tjards Wendebourg (Dipl.-Ing.agr.), D - Stuttgart
Gartenpflege im naturnahen Garten
Gartenpflege ist für Viele ein Reizthema. Schon manche Nachbarschaft ist an der Gartenpflege zerbrochen.
Denn Gartenpflege ist Weltanschauung.
Während es für die Einen vorrangig darum geht, den Garten sauber zu halten und damit Ordnungsliebe als Ideal nach außen zu tragen, möchten Andere und darunter viele Naturgartenfreunde durch die ungestörte Entwicklung von Natur vor der Haustür einen idealen Lebensraum schaffen.
Jedoch, was die einen zuviel machen, machen die Anderen oft zu wenig, denn um die Eingangsfrage zu beantworten: Nein, kein Garten kommt ohne Pflege aus. Es sei denn, auch ein Wald wird von den Gartennutzern als Garten akzeptiert.
Bei der Frage nach dem Maß an Gartenpflege ist es deshalb wichtig, die Diskussion zu versachlichen und sich der Frage zu widmen, wie viel Pflege, für welches Gartenbild notwendig ist.
Die Frage eines Kunden vor jeder Gartenplanung, wie viel Pflege der Garten
erfordert, ist sicherlich verständlich. Im Gegenzug muss der Planer herausfinden, welche Vorstellungen seine Gegenüber vom zukünftigen Garten haben. Auf dieser Basis erst lassen sich dann Aussagen zur Pflegeintensität machen, denn je weiter das gewünschte Ziel von den natürlichen Gegebenheiten (Bodenbeschaffenheit, Klima, potentiell natürliche Vegetation) entfernt ist, desto höher ist der Pflegeaufwand. Darüber hinaus lässt sich Pflegeaufwand auch vom Beginn an einplanen. Einerseits können Pflanzenauswahl und Materialien auf die Pflegeanforderungen abgestimmt werden, andererseits lassen sich die Erwartungen auch argumentativ beeinflussen. Denn viele Bilder werden gerade beim Naturgarten von Vorurteilen geprägt und verlieren vor dem Hintergrund sachlicher Argumente an Schärfe.
In erster Linie entscheidet schon die grobe Einteilung des Gartens in Gestaltungs- und Funktionsräume bzw. deren Ausprägung über die Pflegeintensität. Nutzgartenbereiche, Scherrasen, Wasserbecken und Prachtstaudenbeete benötigen grundsätzlich mehr Pflege als Gehölzpflanzungen, Wiesen, Teichflächen und Wildstaudenbereiche. Aber auch hier entscheidet erst die Ausprägung einer bestimmten Fläche über die Pflegeintensität: darf der Scherrasen Kräuter und Moos enthalten, benötigt er weniger Pflege, wie der „Englische Rasen“. Beetrosen brauchen mehr Betreuung als Strauch- oder Wildrosen. Und wenn als „Prachtstauden“ standortgerechte heimische Stauden verwendet werden
, sind die Anforderungen an die Pflege ebenfalls geringer.
Entgegen aller Vorurteile gehören Gartenteiche zu den pflegeleichtesten Bereichen einer Gartenanlage.
Die Pflanzenauswahl und die Berücksichtigung der Boden- und Konkurrenzverhältnisse (zwischen in den Garten eingeführten Pflanzen und spontan auftretender Vegetation, wie Giersch, Schachtelhalm, Quecke etc.) sind wichtige Kriterien für das Maß an Pflege. Denn nicht Standort gerechte Pflanzen sind gegenüber der potentiell natürlichen Vegetation in ihrer Wuchskraft unterlegen und benötigen einen hohen Pflegeaufwand, um vor Verdrängung geschützt zu werden. Solche Pflanzen sind schon dadurch pflegeintensiv, daß sie durch erforderliche Standortanpassungsmaßnahmen, wie Bewässerung, Düngung und anderer Meliorationsmaßnahmen (z.B. Kalkung), überhaupt erst zu befriedigendem Wachstum veranlasst werden müssen.
Standortgerechte und damit konkurrenzstarke Arten minimieren dagegen den Pflegeaufwand. Sie verlangen weder Düngung noch Bewässerung und bilden im Laufe der Zeit starke Bestände, welche die Ausbreitung nicht erwünschter Arten unterdrücken. Um den Artenreichtum solcher Pflanzungen zu erhöhen, lassen sich die verwendeten Arten mit Geophyten verbinden, welche für Leben in den ersten Monaten des Gartenjahres sorgen.
Grundsätzlich helfen Mulchabdeckungen den Pflegeaufwand frischer Pflanzungen zu reduzieren. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Mulch nicht als Ersatz für das sorgfältige Beseitigen von Giersch, Quecke und anderen „Wurzelunkräutern“ stehen kann. Derartige Kräuter werden durch das Mulchen eher gefördert. Die Beseitigung wird durch die Mulchschicht erschwert. Beides erhöht den Pflegeaufwand.
Pflege der Einbauten
Ein weiterer Aspekt der Pflegeintensität eines Gartens ist der Pflegebedarf der baulichen Komponenten. Die Minimierung des dafür anfallenden Pflegeaufwandes würde ich als konstruktive Pflegereduktion bezeichnen. Angefangen von der Wahl geeigneter Materialien (heimische Harthölzer, Edelstahl, lebende Baustoffe, Naturstein etc.) bis hin zum verwitterungsgeschützten Einbau einzelner Bauteile (z.B. Holz) lässt sich der Pflegeaufwand einer Gartenanlage schon im Vorfeld beeinflussen. Wichtig ist dabei nicht nur der Schutz vor Verfall und Verlust der Funktion, sondern auch die Berücksichtigung der Tatsache, wie sich Alterungsprozesse optisch an Materialien bemerkbar machen. Baustoffe wie Naturstein oder Klinker können mit der Patina der Alterung durchaus gewinnen, während Betonbeläge, gefasste Klinker und Metallbauelemente zumeist optisch an Qualität verlieren. Wer dagegen Moose und Flechten gezielt einplant und das Material darauf abstimmt, spart nicht nur Pflege, sondern erzielt zudem auch noch besondere (und schwer zu reproduzierende) Effekte.
Weiterhin lässt sich festhalten, dass architektonische Formen mehr Pflege brauchen, als organische, denn auch hier gilt: je natürlicher, je pflegeleichter.
Grundsätzlich muss man zwischen Fertigstellungspflege und Erhaltungspflege unterscheiden. Während die Pflege der Pflanzungen nach der Fertigstellung bis zur Bildung einer stabilen Pflanzengemeinschaft relativ hoch ist und danach auf ein niedriges Niveau herabsinkt, kann der Pflegebedarf baulicher Gartenelemente durchaus zunehmen. Dann jedenfalls, wenn bei der konstruktiven Pflegereduktion nicht gründlich geplant wurde.
Anderseits hat Gartenpflege auch durchaus einen meditativen Effekt. Denn entgegen der Beteuerung der meisten Gartenbesitzer in spe, sie würden Gartenarbeit hassen oder sich zumindest ungern damit beschäftigen, nehmen viele im Laufe der Jahre durchaus gerne Werkzeug in die Hand. Wenn die Arbeitsgänge nicht mehr als Zwang empfunden werden, bietet Gartenarbeit auch Zeit der Muße und der Entspannung. Essentiell dabei ist natürlich, dass nicht Ordnungswahn, sondern die Liebe zur Natur und die Arbeit an einem Gartentraumbild Antriebsfedern für die Gartenpflege sind.
Für die Zukunft wird es ein wichtiges Ziel sein, Gartenpflege in den Kontext der Entwicklung bestimmter Gartenbilder zu stellen und die Entwicklung auch für andere Menschen plausibel zu machen. Dazu gehört auch der Abbau von Vorurteilen rund um eine Vielzahl unsinniger bzw. unnötiger Pflegemaßnahmen, wie z.B. das Offenhalten des Bodens, das Entfernen des Herbstlaubes und das Kurzhalten des Rasens. Gleichzeitig müssen althergebrachte Ordnungsideale hinterfragt und geistige Mauern eingerissen werden. Nichts steht der Ausbreitung der Naturgartenidee schließlich mehr im Wege, als einerseits die Angst vieler Gartenbesitzer, Nachbars Gartenkräuter könnten die eigenen Sauberkeitsideale überrollen und anderseits die Furcht, ein „unordentlicher“ Garten würde das Ansehen in der Nachbarschaft negativ beeinträchtigen.
Gartenpflege sollte so gestaltet sein, dass die Ängste abgebaut werden, ohne dass das Wunschbild Schaden nimmt. Das ist am ehesten mit einer ausgewogenen Mischung aus heimischen und anderen standortgerechten Arten und einer Kombination aus architektonischen und organischen Gestaltungselementen zu erreichen.
Weitere Informationen unter:
www.pg-digitalis.de
www.connatur.de
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