Hinweis

Entwicklung einer Blumenwiese

Dipl.-Ing. Landespflege Ulrich Schwab, D - München


13 Jahre Umgang mit Wildpflanzen im Garten

Am Beispiel eines ca. 250 m2 großen, ebenen Reiheneckhaus-Garten am westlichen Stadtrand von München soll in Kurzform eine mögliche Vorgehensweise zur Entwicklung einer Blumenwiese und die Bestandsentwicklung aufgezeigt werden. Ausgangsobjekt war ein 15 Jahre alter, etwas vernachlässigter Scherrasen auf einem ziemlich flachgründigen und wohl nährstoffarmen lehmig-kiesigem Boden. Ab 1986 wurden mehrere Jahre lang Wildpflanzen eingebracht und deren Wuchs-, Blüh- und Ausbreitungsverhalten beobachtet.

737061_0032_web2.jpgEs war beabsichtigt, zunächst auf zwei möglichst gut besonnten, wenig begangenen Randbereichen des Rasens von 6 bzw. 12 m2 Flächengröße artenreiche Magerwiesen mit attraktiv blühenden Pflanzenarten zu entwickeln. Die über mehr als 10 Jahre durchgeführte (mäßige) Düngung der Flächen wurde 1986 eingestellt. Im Frühjahr 1987 wurde an je 4 ca. 0,25 m2 großen, ungefähr quadratischen Stellen die Grasnarbe mit Wurzeln abgetragen und in den Oberboden bis ca. 15 cm Tiefe eine wenige cm dicke Schicht kalkhaltiger Bausand und Splitt eingemischt. Anschließend wurden hier und auch auf den umgebenden jeweils gründlich abgerechten Rasenbereichen in mehreren Schritten, verteilt auf 4 Jahre, zahlreiche Wildpflanzenarten eingebracht: Zunächst habe ich im Frühjahr bis Sommer teils aus dem Versand bezogenes, teils selbst gesammeltes Saatgut verbreiteter Arten eher nährstoffreicher Wiesen aufgestreut (insbesondere Margerite, Wiesen-Bocksbart, Wiesen-Flockenblume, Rauer Löwenzahn), auch die typischen, mittelhoch wachsenden Wiesengräser Goldhafer, Wolliges Honiggras und Ruchgras, welche in einem Scherrasen gewöhnlich fehlen. Im Herbst folgte noch Saatgut von Frostkeimern, insbesondere Klappertopf-Arten. Eher konkurrenzschwache Arten der Magerrasen (z.B. Karthäuser-Nelke, Wiesen-Skabiose, auch Wiesen-Glockenblumen) habe ich in Saatschalen bzw. Töpfen vorkultiviert und erst im jeweils folgenden Frühjahr oder auch Herbst als Jungpflanzen in den Bestand eingepflanzt.

Um die Dauer zur Entstehung möglichst arten- und blütenreicher Wiesen zu beschleunigen, habe ich von Anfang an einen ziemlich hohen Pflegeaufwand betrieben, der über das sonst empfohlene Maß hinausgeht. Vordergründig war mir an einer raschen und konsequenten Ausmagerung des Standorts gelegen, damit sich zahlreiche Pflanzenarten, auch solche der Kalkmagerrasen, etablieren können. Wesentliche Maßnahmen sind:

  1. Wiederholtes Abzupfen sich üppig entwickelnder, vor allem grundständiger Blätter
  2. Selektives Abschneiden von Samenständen mutmaßlich zu konkurrenzkräftiger Arten gleich nach der Blüte (hier z.B. Wiesen-Flockenblumen)
  3. Zweimalige jährliche Mahd der Wiesen mit einer Sichel und selektives Nachschneiden mit einer Grasschere, in den 5 Anfangsjahren erstmals Ende Juni, danach überwiegend erst ab Mitte Juli; Herbstmahd Anfang Oktober; einige noch blütenreiche Kleinstbestände unter 0,5 m2 oder Einzelpflanzen bleiben vor allem bei der ersten Mahd ausgespart; diese werden nach dem Abblühen oder auch Aussamen separat geschnitten
  4. Sehr sorgfältige Entfernung des Mähguts und der Streu einige Tage nach der Mahd, zusätzliches Abrechen der Fläche ca. zweimal auch im Winterhalbjahr
  5. Bedarfsweise Ausrupfen unerwünscht zahlreicher oder störender Arten
In den letzten Jahren wurden noch einige ökologisch relativ anspruchsvolle Arten mit Erfolg in die Wiesen eingebracht, z.B. durch anfängliche Pflanzung Karthäuser-Nelke, Kreuz-Enzian, Knollen-Kratzdistel und durch Einsaat der Schmarotzer Zierliche Sommerwurz.

Die Bestandsentwicklung wurde tabellarisch und mit Fotos gut dokumentiert, sie verlief in den Grundzügen folgendermaßen: Während der ersten 5 Jahre war eine auffällige Verschiebung im Artenspektrum und Deckungsgrad Bestands bildender Arten und ein markanter Anstieg der Artenzahl zu beobachten. Die im Rasen dominanten, Ausläufer bildenden Arten wie z.B. Deutsches Weidelgras, Wiesen-Rispengras und Gänseblümchen haben insgesamt stark abgenommen. Von den eingebrachten Wiesenpflanzen haben sich bis 1990 Wolliges Honiggras, Ruchgras, Rauher Löwenzahn und Hornklee mit über 5%, Goldhafer und Margerite mit über 25% Deckung etabliert. Der einjährige Zottige Klappertopf erreichte 1990 gar über 50% Deckung und wurde sogleich durch Absammeln der reifenden Samen und Ausreißen wieder auf unter 10% in den Folgejahren reduziert.

737061_0033_web2.jpgErst nach 1991, als der floristische und strukturelle Umbau zu einer Blumenwiese weitgehend abgeschlossen war, haben auf inzwischen wohl ziemlich nährstoffarm gewordenen Teilbereichen beider Flächen Magerkeitszeiger merklich an Deckung zugenommen. Bis 1997 haben Wiesen-Salbei und Wiesen-Skabiose jeweils ca.15% erreicht, mit über 5% sind nun Zittergras, Stein-Zwenke, Wiesen-Bocksbart und Heil-Ziest vertreten und mit mehr als 1% in jedem Jahr haben nun Aufrechte Trespe, Flaumhafer, Karthäuser-Nelke, Nickendes Leimkraut, Knolliges Mädesüß und Berg-Haarstrang ihren festen Platz im Bestand. Viele weitere Arten von Magerwiesen sind seit mehr als 6 Jahren mit wenigen Exemplaren vorhanden, z.B. Kugelige Teufelskralle und Weidenblättriges Ochsenauge, nur wenige Arten, z.B. Klebriger Lein und Skabiosen-Flockenblume, sind endgültig eingegangen. Auf einer Fläche von nur 6 m2 sind nun über 70 Wildpflanzenarten angesiedelt.
Zunehmend Probleme bereiten nun zahlreiche von den Rändern her sich knapp unter der Bodenoberfläche ausbreitende Gehölzwurzeln, die vermoosende Kahlstellen verursachen und die ich im Wiesenbereich durchaus als sehr störend empfinde (halbschattige Saumbereiche an Gehölzrändern mit entsprechenden Wildpflanzen-Gemeinschaften habe ich ohnehin schon zur Genüge im Garten). Ein gelegentliches vorsichtiges Aufgraben der Wiesenflächen am Rand, um die oft mehr als 3 m langen und bis 5 cm dicken, verzweigten Wurzeln herauszuziehen, kommt nun nach 12 Jahren als weniger erfreuliche Pflegemaßnahme hinzu, ist wohl aber zur dauerhaften Bestandserhaltung notwendig. Eine Alternative wäre die rigorose Entfernung aller nicht ausgesprochen tiefwurzelnden Gehölze im gesamten Garten.

Für ein derartiges erfolgreiches Vorgehen bei der Blumenwiesenentwicklung sind gute Kenntnisse der ökologischen und soziologischen Ansprüche einer Vielzahl von Wildpflanzen Voraussetzung, die man nur durch zahlreiche Exkursionen zu bestehenden Wiesen und sorgfältige Beobachtungen über mehrere Jahre erwerben kann.

 

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