Spielen wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn
Christina und Roland Seeger, D - Hohenahr
Naturnaher Spiel- und Begegnungsraum für alle Generationen
Spiel ist eine zentrale Lebensäußerung des Menschen. Es begleitet uns ein Leben lang und ist nicht nur auf Kinder begrenzt. Erwachsene, in der Regel die Entscheidungsträger für die Gestaltung von Spielplätzen, sollten sich demnach mehr Gedanken über das Spiel der Kinder machen. Umfassende Untersuchungen in den letzten Jahren belegen nachhaltig, dass wir seit mehr als 50 Jahren nicht für, sondern gegen unsere Kinder gehandelt haben. Das zumindest, wenn es um bundesdeutsche Kinderspielplätze geht. Diese sind in der Regel bunt möbliert, das Spielgerät aus Katalogen ausgesucht und nach Sicherheitsabständen montiert. Kaum ist dabei die kindliche Entwicklung berücksichtigt, schon gar nicht die Harmonie der uns umgebenden Natur und keinesfalls der Generationsübergreifende Ansatz. Kinder brauchen aber Erwachsene zum Spielen, sofern man den ganzheitlichen Ansatz verfolgt. Nicht ohne Grund hat sich durch die Fehlentwicklung auch der Gerätemöblierten Kinderspielplätze inzwischen der Generationskonflikt eingestellt. Naturnah ausgerichtete Spielräume bieten nicht nur eine Alternative. Durch die aktive Gäste- und Bürgerbeteiligung in der Planung und Umsetzung, kann man auch noch eine Menge Geld einsparen.
Kind und kindliche Entwicklung, Naturspielräume und Intelligenzförderung
Kinder sind noch keine Erwachsene. Betrachten wir jedoch unsere Anforderungen an die „Zwerge“, scheint diese längst bekannte Aussage ad absurdum geführt zu werden. Wir fordern häufig Dinge ein, welche Kinder noch nicht in ihrer zusammenhängenden Form begreifen können. Das muss Folgen haben. Nicht nur die Ergebnisse der Pisa-Studie sollten uns aufhorchen lassen. Auch die Bielefelder Gesundheitsstudie legt Zeugnis ab, dass wir viel zu wenig auf die tatsächlich den Kindern zur Verfügung stehenden Instrumente im Rahmen der kindlichen Entwicklung eingehen. Ihr Instrument, die gebaute und soziale Umwelt zu begreifen, sind deren Emotionen und sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Dieser Prozess geht bei Kindern bis etwa zum 10. Lebensjahr. Demnach kann man die kindliche Entwicklung maßgeblich und nachhaltig dann fördern, wenn deren Umgebung mit allen Sinnen und ganzheitlich erfahrbar ist.
Urbane Räume, gebaut nach rechten Winkeln, aus Stein, Beton und Asphalt, überall Blech und exotischen Friedhofsgehölzen, die nicht in unsere Heimat passen, Abstandsgrün und kinderfeindliche Vorgärten sowie irgendwo der Kinderspielplatz als Ersatzplatz für verbaute Wohnumwelten, sind nicht die Orte, wo Kinder gesund und störungsfrei aufwachsen können. Wir sollten bedenken, dass Architektur, gebaut wie sozial, heilen kann. Sie kann aber auch verheerende Folgen produzieren. Wir erleben das gerade bei zu vielen unserer Kinder und Jugendlichen.
Der naturnahe Spiel- und Begegnungsraum
Die Geschichte des deutschen Kinderspielplatzes beginnt eigentlich erst im Jahre 1952 in Ulm an der Donau (Baden-Württemberg). Zuvor gab es vereinzelte Bemühungen, die sich jedoch überwiegend an den politischen Gegebenheiten orientiert hatten. Auf Kies- und Rasenplätzen wurde vor 1945 exerziert. Mädchen von den Jungen getrennt und da und dort gab es Sandkisten für die Kleinen in den Stadtparks, wo man sie hineinparken konnte. Wichtig anzumerken ist, wenn sich auch leider wenig bis heute zu Gunsten einer gesunden und sozialen Entwicklung unserer Kinder verändert hat, dass der Ulmer Ansatz durchaus lauter war. Man wollte „Ersatzplatz schaffen für verbaute Wohnumwelten“. Es ist ein Lacher, wenn man dazu die heutige Verkehrs- und Bausituation in unserem Land betrachtet, die kaum noch Spiel- und Freiraum als Streifraum anbietet. Nahezu alles ist inzwischen verplant, für Erwachsene geordnet und vieles verboten. Das gilt längst auch für den ländlichen Raum im Nahumfeld der Wohnungen von Kindern. Etwa 120.000 öffentliche Kinderspielplätze gibt es in unserem Land. Sie wurden mehrheitlich geplant von Fachleuten aus dem Hoch-, Tief- und Landschaftsbau. Deren Ausbildung ist vor allem ausgerichtet auf technische Fragen, die auch einen geringen Pflege- und Wartungsaufwand einschließen. Genau so sehen die Kinderspielplätze aus. Weniger gefragt hat man bei der Planung nach den bedeutsamen Kompetenzen der Psychologen, Pädagogen, Soziologen, Hygieniker und Hirnforscher, die sich mit dem „Menschen als soziales Wesen“ beschäftigen. Gefragt wurden auch nicht die Spieltheoretiker und schon gar nicht die Kinder und Jugendlichen bzw. die vielen mündigen Bürgerinnen und Bürger in unserem Land. Diese Fachfrauen und Fachmänner hätten eine Menge zu sagen, wenn es um die Frage von Spielen im Freien geht.
Bei naturnahen Spielraumkonzeptionen dominiert nicht das Katalogspielgerät. Bei allen Überlegungen ist die Natur der Lehrmeister. Trotzdem stehen der Mensch und hier insbesondere das Kind im Mittelpunkt. Eine Ausgrenzung findet nicht statt. Alles ist im Einklang. Gebaut werden Hügellandschaften, die sich auch ausgezeichnet als Kletterlandschaften eignen. Man findet Bergsteigerwände aus Natursteinen, senkrecht eingebaute Naturstämme, die sich zum Balancieren eignen und in hohem Maße auch noch die Körperkoordination fördern. Baumstammbrücken dienen als Spielverläufe über „reißende Flüsse“ in der Fantasie der Kinder. Es handelt sich natürlich in Wirklichkeit beim Spiel- und Experimentierangebot um Trockenflüsse mit wechselnden Baumaterialien wie Grob- und Feinkies, Sand und gewachsenem Boden. Natürlich kann man da und dort auch über eine Schwengelpumpe Wasser zum Spielen anbieten oder Regenwasserversickerungsflächen anlegen. Gebaut werden auch Höhlen, die in die Hügellandschaft integriert werden. Rutschen kann man an Steinkrusten oder an einer Breit-Holm-Rutsche, welche in den Hang integriert wird. Sie ist ideal geeignet, dass viele Kinder und jung gebliebene Erwachsene gemeinsam spielen können.
Schaukeln bietet zum Beispiel eine Hängemattenschaukel. Wippvergnügen bietet eine Stehwippe. Alles Spielangebote, die neben dem sozialen Spielen, also dem gemeinsamen Spiel von jung und alt, auch in hohem Maße die Kommunikation fördern. Schattenräume bieten Platz für Jugendliche oder Senioren. Dafür sorgen Naturpergolen inmitten von Duftgehölzen. Überall gibt es Rückzugsbereiche. Pflanzinseln mit einer Vielzahl heimischer Gehölze geben dem naturnahen Spielraum sein anregungsreiches Ambiente und lassen dadurch den jahreszeitlichen Verlauf erkennen. Alles wächst und gedeiht optimal. Auch die Kinderseele und somit die kindliche Entwicklung, da alle Sinne ganzheitlich angeregt werden und dabei das Neugierverhalten in Schwingung gerät.
Gemeinsam planen und bauen
Wünscht man sich naturnahe Spielräume, sollte man diese gemeinsam mit den künftigen Nutzern planen und bauen. Im Rahmen einer gut vorbereiteten Planerrunde vor Ort plant man gemeinsam. Bündelt dabei die vorhandenen Kompetenzen der aktiv Beteiligten und entwickelt an einem Tag einen qualifizierten Vorentwurf mit grafischen Lösungsvorschlägen. Ganz nebenbei erfährt man eine Menge an Hintergrundinformationen. Eltern, Kinder, Jugendliche, eben die anwesenden Gäste, sind die Planungsakteure. Diese Zukunftsstrategie verbindet somit nützliches Wissen der PlanerrundenteilnehmerInnen mit der Erfahrung zu naturnahen Spiel- und Begegnungsräumen für alle Generationsgruppen. Dabei lernt man auch die richtigen Fragen zu stellen, wenn man nicht weiter kommt. Der Betreiber erfährt unmittelbar, was seine Gäste bewegt und wie die direkte Urlaubsumgebung gestaltet sein sollte.
Wird dann gebaut, setzt erneut das BürgerInnen-Beteiligungsmodell ein. Die Gäste, sicherlich andere, die nicht mitgeplant haben, Kinder und Jugendliche eingeschlossen, bauen nun den Naturspielraum unter fachlicher Anleitung. Fachleute aus der Baubranche können sich eine solche Vorgehensweise kaum vorstellen, dass in einer so kurzen Zeit so genannte Laien dazu in der Lage sind.
Auch die Emotionen und Motivationen der aktiven TeilnehmerInnen werden berücksichtigt und in das Baugeschehen eingebunden. Man wird in der Gruppendynamik nicht nur über den Kopf, sondern auch über Gefühle angesprochen, so dass sich ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln kann. Die kleinen Baugruppen mit ihren speziellen Aufgaben, die alle zeitgleich laufen und fachlich gut betreut werden, sorgen dafür, dass man sich nicht in der Anonymität verstecken braucht. So werden aus oftmals unbekannten Namen Gesichter und aus Gesichtern Geschichten. Alle zusammen verbindet während der Bürger- und Gästeaktion die erlebte Gemeinschaft, die eine große Herausforderung angenommen hat. Am Ende ist man stolz über das Geleistete, was erneut und jetzt nachhaltig verbindet. Gerne kommt man dann auch wieder.
Natur erleben, Menschen erleben, Kinder im Spiel besser verstehen, sie auf dem Weg zu uns optimal begleiten, das ist es, zu was naturnahe Spiel- und Begegnungsräume in der Lage sind. Es handelt sich hierbei längst nicht mehr um eine Vision. Wir sollten nur wieder begreifen lernen, dass Kinderspiel mehr ist als nur Spiel.
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