Exkursionsbericht: Natur-Erlebnis-Räume in Bayern
Kerstin Lüchow (Dipl.-Ing.agr), D – 74076 Heilbronn
Fachexkursion mit Reinhard Witt vom 14.-16. Juni 2004. Zwölf Programmpunkte und 500 km in drei Tagen!
Was verbindet Oberneuching, Notzing und Altenerding? Was haben Lauingen, Asbach-Bäumenheim und Dietenhofen gemeinsam? Wer auf der Exkursion dabei war, kennt die Antwort: Natur-Erlebnis-Räume, wie sie schöner nicht sein könnten – in Kindergärten oder als Schulhöfe.
Alle tragen deutlich die Handschrift von Reinhard Witt (Ottenhofen): Tonnenweise Natursteine, zu endlosen Trockenmauern und Burgbergen verbaut, Trockenstandorte und Wasserspielgelände in allen Variationen und - natürlich! - heimische Wildpflanzen soweit das Auge reicht. 11 Schulhöfe und Kindergärten und ein Naturstandort standen dieses Jahr auf dem Programm der dreitägigen Exkursion für angehende Natur-Erlebnis-Räume Fachberater.
Unter der Leitung von Reinhard Witt startete unsere Gruppe mit internationaler! Zusammensetzung (D, A, CH und Luxemburg) zum ersten Kindergarten in Oberneuching. Vor einem Jahr umgestaltet, präsentierte sich das Gelände an diesem Tag in voller Blüte. Nicht nur bunte Wildblumenbeete, Säume und Blumenschotterrasen sondern auch ein Wasserspielgelände, ein Fruchtgarten (mit Rutsche) und ein Wildobsthügel wurden hier realisiert. Allerdings mussten wir schon genau hinsehen, um essbare Vogelbeere, Blutpflaume und Kirsche zu entdecken: Durch Einzelansaat (5-6 Pflanzenarten) gestärkt, imponierte Verbascum speciosum schon gewaltig im Wildobsthügel und ließ kurzerhand eine Weide verschwinden.
Schön waren auch eine Silberweiden-Nestschaukel der Firma „atlantics“, die Spielvergnügen im Schatten ermöglicht, und Balancier-Seile im Wäldchen, die zwischen Bäumen verspannt waren. Versteckt hinter dem Burgberg und (nicht nur) durch einen Kriechtunnel erreichbar war das Atrium, ein beliebter Sitzplatz zur Pausenzeit. Viele Erklärungen zur naturnahen Bauweise begleiteten unseren Rundgang. Von großer Bedeutung ist für Reinhard Witt die Bodenvorbereitung: Er arbeitet grundsätzlich mit dem „Erdkern“, d.h. mit unkrautfreiem Unterboden, der für Trockenstandorte mit einer 20-30 cm dicken Kies-, Sand- oder Schotterschicht und anschließend mit 2cm Grünkompost bedeckt wird (Grünkompost oberflächlich einarbeiten, um den Pflanzen einen guten Start zu ermöglichen). Nährstoffreiche Standorte werden dagegen aus einer Mischung 1/3 Sand + 1/3 Grünkompost + 1/3 Lehm (oder ½ Sand + ½ Grünkompost) hergestellt. Auch für Aussaat und Pflege gab es immer wieder Tipps aus der Praxis: Saatgut mit einem Tausendkorngewicht (TKG) > 1g wird mit ca. 1g/m2 ausgesät, bei einem TKG < 1g werden 0,5 – 0,25 g Samen/m2 ausgesät. Anschließend das Saatgut nicht anwalzen, da Lichtkeimer sonst zu tief eingearbeitet werden. Welche Saatgutmischungen werden verwendet? Gute Frage: Von jedem Hersteller nur die Beste! Viel Grundlagenwissen wurde hier weitergegeben, aber der
Zeitplan rief und wir verabschiedeten uns um den Kindergarten Notzing (mit angrenzendem Spielplatz) zu besichtigen. Diese Spielbereiche mit insgesamt 3000m2 wurden vor vier Jahren konsequent naturnah angelegt. Naturnahe Gartenrosen und Duftpflanzen säumen den Eingangsbereich. Hinter dem Gebäude wurde ein Gelände für Vögel, Schmetterlinge und Kinder angelegt. Entlang des Wildpflanzenhügels schlängelt sich eine Riesenrutsche und endet neben dem Wasserspielgelände. Mit Steinen, Mauern und Baumstämmen wurden Strukturen geschaffen – nicht nur für Kinder, sondern auch für Pflanzen!!! Richtig, wir hatten uns nicht verhört: Auch Wildpflanzen brauchen eigene Räume, denn unzählige Füße laufen permanent querfeldein. Im Schutz von Baumstämmen, Treppen oder neben Mauern können gezielt Wildpflanzen eingesät werden, die sich hier gut entwickeln und nicht so schnell zertreten werden. Dornige Pflanzen werden dort gepflanzt, wo Kinder nicht spielen sollten – als Absturzsicherung oder um Beete zu schonen, aber niemals im Laufbereich! Wer kümmert sich eigentlich nach Ende der Bauphase um die Spielräume? In erster Linie natürlich die Nutzer. Aber sie werden nicht allein gelassen. Der Bau von Natur-Erlebnis-Räumen beinhaltet auch immer die anschließende Pflege und Betreuung durch den Projektleiter. Er begleitet „seinen“ Spielraum zwei bis drei weitere Jahre und kommt zweimal jährlich um Hilfe zur Selbsthilfe zu geben: Erziehern, Lehrern und Kindern wird gezeigt, was-wann-wo gejätet wird. Gemeinsam wird besprochen, wie sich das Gelände entwickelt, wie es von den Kindern angenommen und genutzt wird. Auch hier verging die Zeit wie im Flug und wir mus
sten weiterfahren. Die nächste Station hieß Kindergarten Altenerding. Nachdem alle sieben Autos glücklich angekommen waren, der erste Schreck des Tages: Ein Rucksack wurde in Notzing zurück gelassen. Das hieß für den Besitzer, die Mittagspa
use opfern und über ´zig Dörfer zurückfahren. Doch zuerst machten wir unseren Rundgang durchs Gelände. Viele schöne Naturgartenelemente auch in diesem Kindergarten. Ein rechteckiger Bereich wurde durch gewundene Wege und Beete gut strukturiert. „Es sieht einfach interessanter aus, wenn Sichtachsen gebrochen“ werden, so der Fachmann. Besonders schön waren im Eingangsbereich der Duftpflanzenhügel (hmmm, Zitronenkraut =Artemisia abrotanum), das Schwertlilienbeet mit Bunter Schwertlilie (Iris variegata) und der Blumenschotterrasen am Fahrradparkplatz.
Nach einem guten Mittagessen beim Italiener waren wir bereit für unsere letzte Tagesetappe. Natur-Erlebnis-Schulhof Deisenhausen hieß das Ziel. Vom schön gestalteten Eingangsbereich mit Kalksteinmauern und Trockenstandorten gelangten wir zum rückseitig gelegenen Teil des Schulhofes. Wo sind denn die vielen Teiche und Sumpfgräben? Ursprünglich von der Günz gespeist, waren jetzt fast alle 13 Naturteiche nahezu ausgetrocknet. Schilf und Rohrkolben hatten sich ausgebreitet und die Teiche waren zu Wasserpfützen reduziert. Vom Lebensraum Wasser und Artenvielfalt konnte keine Rede mehr sein. Die Ursache lag nicht weit entfernt: Ein Wehr ist in der Zwischenzeit gebaut worden und hat den Wasserzufluss stark gebremst. Auch die anderen Elemente (Spielhügel, Schulgarten und Blumenwiesen) waren fast nicht mehr erkennbar. Schade eigentlich – aber ein gutes Beispiel dafür, dass auch Natur-Erlebnis-Räume ein Minimum an Pflege und Beachtung erfordern. Der Rundgang war relativ kurz (und schmerzhaft), umso schneller erreichten wir jedoch unser Quartier. Dort widmeten wir uns per Film und Diskussion den Aufgaben eines Fachberaters und lernten wichtige Grundlagen für Planung und Projektwoche. Kaum zu glauben, aber danach war frei – für heute!
Der nächste Tag begann vielversprechend:
Das erste bayerische Modellprojekt eines Natur-Erlebnis-Schulhofes befand sich in Lauingen (1995). Das ganze Gelände wirkte sehr harmonisch, nach neun Jahren immer noch keine Spuren der Abnutzung oder Zerstörung. Fast das ganze Spektrum an heimischen Wildrosen waren in unvorstellbarer Größe und Schönheit vorhanden. Baumburg, Naturbühne, Trockenstandorte, Blumenschotterrasen und Wiesenblumen zeigten sich von ihrer besten Seite. Ebenfalls Direktor Anton Grotz, der sich persönlich Zeit nahm und zur Begrüßung ein paar nette Worte an uns richtete. Seine Begeisterung war unverkennbar groß und sein Dank an Reinhard war noch größer....und die 1000ste Besucherin befand sich ausgerechnet in unserer Gruppe: Herzlichen Willkommen Myriam Hau aus Luxemburg. Nach der Ansprache schnell noch ein paar Fotos mit Kindern, wie sie sich im Schulhof verteilen und bewegen. Zum Schluss die letzten Praxis-Tipps von Reinhard, z.B. Rosa gallica duftet wunderschön, Blumenschotterrasen am Besten auf 0/32 er Schotter aussäen (schafft Ritzen für Vegetation, bietet Festigkeit und rollt nicht weg), Steinhaufen nicht nur auf den Boden legen sondern Untergrund wie für Mauern vorbereiten (sonst wächst Unkraut durch)
....dann ging es weiter zum nächsten Schulhof in Asbach-Bäumenheim.
Auch hier begrüßte uns der Direktor persönlich und berichtete von den Anfängen der Schulhof-Umgestaltung: Vier Jahre Vorarbeit waren notwendig, um alle Zuständigen zu überzeugen und das Projekt endlich (2002) starten zu können. Doch die Mühe hat sich - wie immer - gelohnt: 2720m2 wurden entsiegelt und in naturnahe Flächen umgewandelt. Viele unterschiedliche Nischen laden zum Treffen, Reden, Spielen oder Ausruhen ein. Burgberge mit Höhenunterschieden bis zu drei Metern sind eine Herausforderung für Entdecker. Klettergelegenheiten, Hüpfstämme, Steine und Fußfühlpfad fordern die Motorik und die Sinne heraus. Das Wasserspielgelände lässt Kinder kreativ werden und eine fantasievolle Geländestruktur sorgt für Abwechslung. Kaum mit Worten zu beschreiben, was wir hier gesehen haben.
Der nächste Schulhof befand sich in Wassertrüdingen und setzte sich aus zwei Bereichen zusammen: Einerseits der konventionelle Teil, von einem „normalem“ Architekten geplant und größtenteils mit Betonpflaster versehen, andererseits der naturnahe Bereich, mit Trockenmauern und vielen heimischen Wildpflanzen. Hier zeigte sich Gegensatz und Stilbruch zugleich. Eine Atmosphäre wie in konsequent naturnah gestalteten Spielräumen wollte nicht entstehen – Kompromisse haben einfach ihren Preis. Dieser Schulhof wirkte wenig überzeugend, aber immerhin ist es besser als nichts.
Nach so vielen gestalteten und bewusst geplanten Flächen machten wir einen Abstecher zum Naturstandort Hesselberg. Es ist ein bedeutender geologischer und pflanzensoziologischer Standort mit Flora und Fauna der Halbtrockenrasen und Trockenstandorte. Wie wachsen Pflanzenarten in der Natur im Vergleich zu Pflanzen auf künstlich angelegten Standorten? Welche Pflanzengesellschaften finden wir in der Natur vor? Diese Dinge sollte sich jeder Naturgärtner durch den Kopf gehen lassen... oder noch besser, direkt ansehen.
Spät abends erreichten wir den Schulhof Burgoberbach. Zum Fotografieren war es fast schon zu dunkel. Dieser Schulhof ist ein gutes Beispiel dafür, dass es keine Mindestgröße für NER gibt und sogar mit geringem finanziellen Aufwand ein schönes Gelände gebaut werden kann. Die Bepflanzung war abwechslungsreich, die Spielbereiche nett gestaltet.
Am letzten Tag standen drei Schulhöfe auf dem Programm. Unsere Tour begann in Dietenhofen mit dem wohl schönsten Schulhof der Exkursion. Erst vor einem Jahr angelegt, zeigte sich das 5000m2 große Gelände in seiner ganzen Pracht: Rosenhügel, Trockenhänge, magere Blumenwiesen, Duftpflanzen, großer Burgberg, Schattenbeete, Kletterfelsenhügel, Regenwasserbachlauf und Wasserspielgelände mit Teichen, Pumpen und einem Drachen, der pünktlich zur Pause (Zeitschaltuhr) Wasser speit......einfach alles, was das Herz begehrt. Natürlich gibt es auch einen riesigen Brotbackofen für Schulfeste. Bemerkenswert auch die Steigstämme und Hangroste (zum Klettern) aus Eiche, das Piratenschiff aus Holz und...und...und. Lehrerin Susanne Fechner und eine engagierte Mutter berichteten aus der Bauzeit: „Es war ein großartiges Teamprojekt, wir hatten viele (unheimlich viele) Helfer – es wurden täglich mehr, das Projekt zog immer größere Kreise.
Das Piratenschiff wurde z.B. von sieben Schreinern in Elternarbeit gebaut und gespendet, sogar der Bürgermeister spendete täglich Vesper und Getränke für alle Helfer“. Kleine und große Spenden und kleine und große Helfer (Kinder, Eltern, Lehrer und Naturgärtner) ermöglichten es, dass der Schulhof in nur zwei Wochen entstand – mit einer Bausumme, die nur ein Fünftel seines tatsächlichen Wertes betrug.
Heute freuen sich alle über ihren neuen Schulhof. Am Wochenende pilgern oft Besucher auf den Schulhof, um das Gelände zu bestaunen. Lehrerin Fechner schmunzelt: „Es scheint so, dass wir jetzt weniger Kinder als vorher im Pausenhof haben“. Das ist natürlich nicht der Fall – die Kinder verteilen sich nur besser auf unterschiedliche Spielräume, so dass sie kaum auffallen. Vier Lehrer werden als Pausenaufsicht in diesem großen Schulhof benötigt. Schade, Pausen sind einfach immer so kurz. Hier würde jeder gern wieder zur Schule gehen. Dietenhofen ist ein Paradebeispiel für Teamarbeit. Unglaublich, was durch Engagement und Motivation erreicht werden kann.
Weiter ging es zur nächsten Station: Die Evangelische Schule Ansbach empfing uns mit ihrem Traumschulhof. Auch dieser Schulhof ist ein großartiges Beispiel dafür, dass auch kleine Flächen naturnah umgestaltet werden können - wenn es nur gewünscht wird. „Nirgends kann man sich verstecken“ – diese Bemerkung einer Schülerin gehört wohl endgültig der
Vergangenheit an. In einer Schüler-Lehrer-Eltern Gemeinschaftsaktion wurden der Innenhof und der äußere Schulhof mit einer Gesamtfläche von „nur“ 1550m2 umgebaut. Unter dem Motto zusammenarbeiten, zusammenarbeiten bzw. zusammenarbeiten wurde die Arbeit als partnerschaftliche Aufgabe gesehen. Liebevoll geplant und gebaut, ermöglicht er heute 300 Kindern eine erholsame Pause. Auch in der Freizeit wird der Schulhof genutzt: für Feste, Lesungen oder zum Insekten suchen. Typisch für diesen wie für alle anderen Natur-Erlebnis-Räume ist die Tatsache, dass keine Aggressionen mehr unter den Schülern vorkommen. Vandalismus wurde nur von außen in den Schulhof getragen, so dass das Gelände leider eingezäunt und zeitweise von der Polizei bewacht werden musste. Inzwischen ist jedoch Ruhe eingekehrt, nachmittags freuen sich Schmetterlinge, Bienen und Co über die Stille.
Das letzte Naturerlebnis erwartete uns im Schulhof mit angrenzendem Kindergarten Schwabach. Schuldirektor Heinz Krautwurst, nach eigenen Worten eher „Fremdenführer als Schulleiter“, ist auch nach acht Jahren noch genauso motiviert wie am ersten Tag. Dieser Schulhof ist mehr als nur Lebensraum für Menschen, Pflanzen und Tiere. Seit dem Bau hat er das Leben in der Schule maßgeblich beeinflusst. Ständig wird der Schulhof in den Unterricht integriert: Von der Pflanze der Woche bis zu Falkenbeobachtungen ist alles dabei.
Doch das Wichtigste: Schüler und Lehrer ruhen sich nicht aus, sondern verändern permanent ihr Gelände und entwickeln es ständig weiter. Es wurden bereits 32 Einzelprojekte in neun Projektwochen durchgeführt - z.T. in der Schulzeit, aber manchmal auch auf freiwilliger Basis in der Freizeit. Auf Stellwänden im Lehrerzimmer wird eingetragen, wer mit welchem Thema beschäftigt ist. Die Pflege und Reparaturen gehören ebenso dazu wie der Bau von neuen Brunnen (es gibt z.Z. vier Stück) oder der Bau einer Feuerstelle, die von Schülern der ersten Klasse gepflastert wurde. Auch für Theatervorführungen oder Performance wird der Schulhof genutzt, überall entstanden neue Kulissen und Requisiten. In einem Projektbericht kann alles nachgelesen werden, eine Dokumentations-CD über Schwabach befindet sich jetzt im Schulhofkoffer der Geschäftsstelle und kann ab sofort ausgeliehen werden.
Natur erleben ist inzwischen der wichtigste Bereich an dieser Schule geworden, niemand kann sich mehr ein Schulleben ohne Projektwochen vorstellen. Das Leitwort von Manfred Pappler „Der beste Schulhof ist der, der nie fertig wird“, scheint hier mühelose Realität zu sein.
Vielen Dank an alle Bauträger, dass sie den Schritt in die Natur-Erlebnis-Räume wagten. Vor allem aber herzlichen Dank an Reinhard Witt, dass diese wunderbaren Traumschulhöfe und Kindergärten entstanden sind und noch weitere entstehen werden.
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