Lebensraum Schulhof
Manfred Pappler, D - Gunzenhausen
Schulentwicklungsprojekt: Gemeinsam planen, bauen und pflegen mit dem Ziel eines naturnahen und kindgemäßen Schulgeländes
1. Die Ausgangssituation
„Baue Kindern eine Hütte, und sie werden Bretter daraus machen. Gib Kindern Bretter, Hammer und Nägel, und sie werden eine Hütte daraus bauen!“
Wer sich Gedanken über die Gestaltung eines Schulhofes, eines Spielplatzes oder eines „Gartens für Kinder“ macht, dessen Blicke lenkt diese einfache, aber tiefsinnige Weisheit eines unbekannten Autors auf das Wesentliche: Die nachwachsende Generation will gestalten. Entziehen wir uns diesem in der kindlichen Seele tiefverwurzelten Bedürfnis, verurteilen wir Kinder und Jugendliche zum Abbauen, zum Zerstören.
„Die Zukunft gehört allen. Doch wo sind die Gelegenheiten, bei denen alle, die es wollen, ihre Wünsche, Hoffnungen, Ideen und Vorschläge so deutlich und unüberhörbar kundtun können, dass sie sich als einflussreiche Mitgestalter einer Welt fühlen können, in der sie und ihre Kinder leben werden?“, fragte der Zukunftsforscher Robert Jungk in seinem 1993 erschienenen Buch „Zukunftswerkstätten – Mit Phantasie gegen Routine und Resignation“. Wo erleben Kinder heute noch Möglichkeiten zur Mitgestaltung ihres Lebensraumes? Wohin unser Blick fällt, beobachten wir Erwachsene, die Kindern – wohl aus falsch verstandener Zuneigung – Fertiges präsentieren. Der kindliche und vor allem jugendliche Wunsch, sich selbst zu beweisen und anderen zu zeigen, dass man etwas kann, kollidiert in unserer modernen Welt zu häufig mit einer erlebten Realität, in der Kinder als Gestalter nicht mehr gefragt sind. Der Hang zu perfekten geplanten, oft naturfernen Lösungen drängt Kinder zu häufig in die Rolle von Statisten. Selbst Plätze, an denen
Kinder einen Großteil ihrer Freizeit verbringen, werden in der Regel von Erwachsenen geplant und gebaut: Spielplätze, Kindergärten und Schulhöfe.
Die Gestaltungskonzepte sind überall die gleichen.
Es wird Zeit, sich auf ein neues, konstruktiv-kreatives Miteinander mit der nachwachsenden Generation einzulassen. Es wird Zeit, Wünsche, Hoffnungen, Ideen und Vorschläge von Kindern und Jugendlichen aufzunehmen, wenn es um die Wahrnehmung ihrer Belange geht. Der einzige Weg, zukunftsfähige Konzepte zur Gestaltung von Schule und Schulhöfen zu entwickeln, besteht darin, die Betroffenen zu Beteiligten zu machen. Wir brauchen Beteiligungsmodelle für Kinder und Jugendliche.
2. Das „Dillinger Modell der Benutzerbeteiligung“
Im Jahr 1993 begann die Bayerische Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) damit, sich der bedenklichen pädagogischen und planerischen Situation an schulischen Außenanlagen zu widmen. Unter Federführung von Manfred Pappler (ALP) wurde in Zusammenarbeit mit ausgewählten Schulen und deren jeweiligem Sachaufwandsträger wurde über mehrere Jahre hinweg ein didaktisches Modell für einen derartigen Schulentwicklungsprozess Schritt für Schritt entworfen, in der Praxis vor Ort erprobt, ausgewertet und didaktisch weiterentwickelt. Ein wertvoller Kooperationspartner wurde in all dieser Zeit der „Naturgarten e.V.“ mit seinem Vorsitzenden Dr. Reinhard Witt, der mit seinem Konzept der standortgerechten heimischen Pflanzenauswahl die Grundlage für unzählige kindliche Naturerlebnisse legt. Die Modellprojekte an der Hyazinth-Wäckerle-Hauptschule in Lauingen (Schwaben), am Sonderpädagogischen Förderzentrum in Schwabach (Mittelfranken), an der Grund- und Teilhauptschule in Gessertshausen (Schwaben), an der Aventinus-Grundschule in Abensberg (Niederbayern) und an der Grundschule Süd in Gunzenhausen (Mittelfranken) bildeten die Erfahrungsgrundlage für die wissenschaftliche Evaluation des didaktischen Modells. Auf dieser Basis entstand das „Dillinger Modell der Benutzerbeteiligung“ und wurde im Mai 2000 als „100-Schulhöfe-Förderprogramm“ der Bayerischen Staatsregierung veröffentlicht: In diesem staatlichen Förderprogramm wurden die pädagogischen Leitlinien des Dillinger Modells als Förderkriterien komplett integriert.
3. Das „100-Schulhöfe-Förderprogramm“
Ziel des Förderprogrammes war es, einen „Schulentwicklungsprozess auf dem Schulhof“ an mindestens einer Schule jedes bayerischen Landkreises anzustoßen und beispielhaft nach dem Vorbild des „Dillinger Modells“ ablaufen zu lassen. Als didaktisches Begleitmaterial im Sinne der „Hilfe zur Selbsthilfe“ bietet die Bayerische Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) Dillingen ein umfangreiches Medienpaket an, den „Medienkoffer Lebensraum Schulhof“.
Mit seiner Hilfe sollte es jeder Schule gelingen, die Grundsätze des „100-Schulhöfe-Förderprogramms“ Schritt für Schritt umzusetzen:
- Beteiligung aller Schulklassen und Lehrkräfte einer Schule
- Kontinuierliche und intensive Benutzerbeteiligung bei Planung, Bau und Pflege eines naturnahen und kindgemäßen Schulgeländes
- Nachhaltige Schulentwicklungsarbeit im Rahmen einer rund fünfjährigen Projektlaufzeit
- Einrichtung einer Steuergruppe mit Vertretern aller an der Schule aktiv beteiligten Personengruppen
- Projektbegleitende schulinterne Fortbildungsveranstaltungen.
- Erarbeitung und kontinuierliche Umsetzung von Unterrichtskonzepten für unmittelbares, praktisches Lernen im Schulgelände;
- Öffnung des Schulgeländes in unterrichtsfreien Zeiten;
Im Rahmen eines solchen Schulprojektes können Kinder und Jugendliche aktiv erleben, dass eine Gemeinschaft von der Verantwortung jedes einzelnen lebt. Es wurde ja auch Zeit, dass die nachwachsende Generation am erlebten Beispiel BEGREIFEN kann, WIE man Verantwortung in der Gemeinschaft gestaltet. Das Zusammenwirken aller Beteiligten bei der Entwicklung eines Natur Erlebnis Schulhofes ist eine wertvolle Chance für die Gestaltung unserer gesellschaftlichen Zukunft.
Literaturempfehlungen:
Agde, Georg / Beltzig, Günter / Nagel, Alfred / Richter, Julian (1996):
Sicherheit auf Kinderspielplätzen – Sicherheitstechnische Anforderungen, Rechts- und Versicherungsfragen. Wiesbaden.
Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (Hrsg., 2001):
Medienkoffer Lebensraum Schulhof – Schritt für Schritt zum naturnahen und kindgerechten Schulhof nach Dillinger Modell. Dillingen. Bezug: Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung, Postfach 1302, 89407 Dillingen/Donau, Hotline (09071) 53-222.
Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (Hrsg., 1994):
101 Idee zur Gestaltung des Schulgeländes, Akademiebericht Nr. 246. Dillingen. Bezug: Bestell-Hotline (09071) 53-222
Ansorge, Bärbel u.a. (Hertzhaimer Gymnasium Trostberg, 1992):
Viel Platz für kleine Tiere. Freising. Bezug: S tark Verlagsgemeinschaft (08161) 1790
Arbeitskreis Umwelterziehung Schwaben (Hrsg., 1998):
RAUS ins Schulgelände. Augsburg. Bezug: Horst Kaiser, Pestalozzischule, Brucknerstraße 2, 86368 Gersthofen.
Benjes, Hermann (1996):
Hein Botterblooms heilsames Durcheinander für Lehrer, Libellen und Kinder. Hellwege.
Bezug: Heinrich Benjes, Auf dem Brande 13, 27367 Hellwege
Besele Sylvie(1999):
Pausenlust statt Schulhoffrust – Management kindgerechter Geländegestaltg.. Dortmund.
Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze (Hrsg., 1997):
Ökologische Spiel(T)räume – Fachbuch zur Spielraumplanung und Spielraumgestaltung. Stuttgart.
Hintermeier, Helmut (1996):
Artenschutz in Unterrichtsbeispielen, Teil 1 – Informationen, Arbeitsblätter, Folienvorlagen. Donauwörth.
Hohenauer, Peter (1995):
Spielplatzgestaltung – naturnah und kindgerecht. Wiesbaden.
Kalberer, Marcel / Remann, Micky (1999):
Das Weidenbaubuch – die Kunst, lebende Bauwerke zu schaffen. Aarau.
Kalberer, Marcel (1998):
Handbuch für Naturbaustellen – Sanfte Strukturen 5.Herdwangen. Bezug: Atelier Sanfte Strukturen, Heggelbach, 88634 Herdwangen, (07557) 8868.
Kramer, Matthias (1999):
Das Schulgelände – ein Lebensraum für Pflanzen und Tiere – 10 projektorientierte Vorhaben mit Grundschulkindern. Braunschweig.
Lange, Udo / Stadelmann, Thomas (1996):
Spielplatz ist überall, Lebendige Erfahrungswelten mit Kindern planen und gestalten. Freiburg.
Lutz, Erich / Netscher, Michael (1996):
Handbuch Ökologischer Kindergarten – kindliche Erfahrungsräume neu gestalten. Freiburg.
Oberholzer, Alex / Lässer, Lore (2003):
Gärten für Kinder – naturnahe Kindergarten- und Schulanlagen, Hausgärten und Spielplätze. 4. Auflage, Stuttgart.
Oberholzer, Alex / Lässer, Lore (1997):
Ein Garten für Tiere – Erlebnisraum Naturgarten. Stuttgart.
Pappler, Manfred / Witt, Reinhard (2001):
Natur Erlebnis Räume – Neue Wege für Schulhöfe, Kindergärten und Spielplätze. Seelze.
Schillberg, Klaus / Knieriemen, Heinz (1993):
Naturbaustoff Lehm – Moderne Lehmbautechniken in der Praxis. Aarau.
Schreiber, Rudolf (Hrsg., 1993))
Tiere auf Wohnungssuche – Ratgeber für mehr Natur am Haus. Berlin.
Winkler, Andreas / Salzmann, Hans (1989):
Das Naturgarten Handbuch für Praktiker. Aarau.
Witt, Reinhard / Dittrich, Bernd (1996):
Blumenwiesen – Anlage, Pflege, Praxisbeispiele. München.
Witt, Reinhard (1994):
Wildpflanzen für jeden Garten – 1000 heimische Blumen, Stauden und Sträucher – Anzucht, Pflanzung, Pflege. München
Witt, Reinhard (1995):
Wildsträucher und Wildrosen bestimmen und anpflanzen. München.
