Planung von Natur-Erlebnis-Kindergärten mit Kindern
Dr. Reinhard Witt, D-Ottenhofen
1. Schritt: Projektinitiative
Für die wenigsten Fälle gilt der optimale Fall: Ein Kindergarten oder Spielplatz wird neu gebaut und der Träger ist bereit, von Anfang an einen Natur-Erlebnis-Raum mit Kindern, Eltern und Pädagogen zu schaffen. In der Regel wird es eine Umgestaltung sein. Der Anstoß dazu kommt meist aus einer Unzufriedenheit mit dem Status quo. Die Außenanlage wurde nach Maßstäben einer anderen Zeit (60iger bis 80iger Jahre) gebaut und bietet nicht die adäquaten pädagogischen Möglichkeiten der Moderne. Ein Wechsel in der Leitung, neue ErzieherInnen oder auch Eltern können den Stein ins Rollen bringen. Manchmal ist es auch eine Existenzfrage: bei rückläufigen Geburtenzahlen und konkurrierenden Kindergärten im Umfeld kann ein neues Konzept die Identifikation mit diesem Natur-Kindergarten erhöhen. Oft entsteht auch nach mehreren kleineren erfolgreichen Projekten wie dem Bau von Weidentipis oder der Anlage eines Fußfühlpfades der Wunsch nach einer umgreifenden Umgestaltung.
Nun heißt es, Ideen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und Informationen zu beschaffen. Dabei hat es sich als sinnvoll erwiesen, wenn vorher - genauso wie im Schulbereich - grundlegende Fragen im Rahmen eines pädagogischen Nachmittages geklärt werden.
Fragebogen für die Einrichtung
- Was hat ein naturnahes und kindgerechtes Außengelände mit guter Erziehung und Pädagogik zu tun?
- Wie wichtig ist den PädagogInnen Naturerlebnis?
- Welche Erfahrungen in Projektarbeit kann ich einbringen?
- Mit welchem aktiven Beitrag will ich mich beteiligen?
- Wie viel zeitliche und kräftemäßige Reserven gibt es im Team für ein Projekt?
- Wer von der Einrichtung verfügt bereits über Vorerfahrung mit der Außengestaltung?
- Wie kann ich kompetente Helfer und Berater (Eltern, Fachleute) für unser Projekt gewinnen?
- Wie und wo kann ich mich gezielt über Natur-Erlebnis-Spielräume informieren?
- Welche Hindernisse sehe ich für unser Projekt?
- Welche positiven Entwicklungen erwarte ich für unsere Einrichtung?
Wenn auch die Projektinitiative von Einzelnen ausgehen kann, sollte die künftige Entwicklung in die Hände vieler gelegt werden. Die Gründung eines Spielgeländeforums aus interessierten Eltern, Erziehern bzw. Sozialpädagogen, dem Hausmeister und Ansprechpartnern von Träger oder Kommune dient zur Abstimmung des zukünftigen Projektes. Ein Vortrag über das Thema, das Durchackern der umfangreichen Bücher und Broschüren, die Besichtigung bereits bestehender Anlagen oder die Beratung durch Fachleute sind wichtige Schritte zur Ideensammlung. Falls möglich, sollte aus diesen Materialien eine Ausstellung für die beteiligten Eltern und Kinder zusammengestellt werden, die Lösungsansätze und Beispiele zeigen.
2. Schritt: Modelle bauen und auswerten
Mit den Kindern und Eltern aus Kindergarten oder mit den Nutzern des Spielplatzes werden nun in Kleingruppen in Obstkistchen mit verschiedenem Material der Traumkindergarten oder der Traumspielplatz gebaut. Das dauert einen Nachmittag und bringt eine Menge Spaß. Die Modelle werden anschließend gemeinsam mit dem zukünftigen Planer systematisch ausgewertet. Dazu werden die Kinder befragt und die von ihnen dargestellten und gewünschten Elemente auf Bewertungsbögen akribisch in Strichlisten festgehalten. Auch hier ist eine Unterteilung in die vier Räume Ruhe und Kommunikation, Naturerlebnis, Spiel und Bewegung und kreatives Gestalten sinnvoll (siehe Seite.....).
3. Schritt: Gesamtplan entwerfen
Anhand dieser Wunschliste wird nun in einer gemeinsamen Planungsrunde des Spielgeländeforums ein Planskizze im Maßstab 1:100 oder 1:200 erstellt, der im Anschluss von einem Fachmann verfeinert und der zu genehmigenden Instanz (Gemeinderat, Träger) vorgestellt wird. Hierzu werden auch die notwendigen Abstimmungen mit Behörden und Unfallversicherungsverbänden eingeholt. Eine grobe Kostenschätzung aufgrund des Gesamtentwurfs gibt Auskunft über die benötigten Finanzmittel. Natürlich können nicht alle Vorschläge der Kinder berücksichtigt werden. Doch sollten aus jedem Modell die zwei wichtigsten nach Möglichkeit im Gesamtplan realisiert werden. Für alle Vorschläge fehlt oft der Platz oder das Geld und manche sind aus Sicherheitsfragen nicht zu verwirklichen. Gegen andere gibt es pädagogisch gewichtige Gründe. So lässt sich der Wunsch der Jungen nach einem Fußballplatz in nahezu keiner Anlage ohne schmerzliche Einschnitte für die anderen Benutzergruppen umsetzen.
4. Schritt: Öffentlichkeit informieren
Der Gesamtplan wird anschließend Eltern und Presse vorgestellt. Gleichzeitig werden Finanzierungswege und Quellen geprüft. Man geht auf die Suche nach Kooperationspartnern und Sponsoren, die mit Mitteln oder Sachleistungen weiterhelfen können: Kommune, Baustoffhandel, Baufirmen, Berufsbildende Einrichtungen. Kirchengemeinde, Naturschutz- oder Gartenbauverein... Zuschüsse vom Träger oder der Gemeinde, Mittel aus Förderprogrammen, Elternspenden in Form von kostenlosen Baumaschinen oder Material helfen die veranschlagten Ausgaben zusammenzubringen.
5. Schritt: Vorbereitung der Projekttage als Bürgeraktion
Mit Hilfe eines örtlichen Projektorganisator (Landschaftsarchitekt, Elternbeirat) und des Fachberaters für Natur-Erlebnis-Räume werden nun die Projekttage vorbereitet. Es müssen externe Arbeiten geplant und durchführt werden, die Materialien und Werkzeuge organisiert werden. Das Spielgeländeforum ermittelt die Anzahl der Helfer, ernennt Bauleiter für einzelne Bereiche, organisiert den Einsatz an den Baustellen und sorgt für die Verpflegung während der Projekttage.
6. Schritt: Erste Umgestaltung
An einem oder mehreren Projekttagen wird das Gelände mit Kindern, Eltern und Pädagogen umgestaltet. Dabei ist es wichtig, daß wie bei allen Bürgerprojekten – spontane Änderungen des Gesamtplanes durch die Bauenden möglich sind. Jedes gebaute Element kann dabei Anlass sein, die weiteren Elemente in der Ausführung zu verändern oder daran anzupassen. Bei Bürgeraktionen gibt es keine starren Planvorgaben, sondern nur einen groben Rahmen für eine schöpferisch-kreative Eigenleistung aller. Maßschnur bei der Arbeit mit Laien kann dabei nicht technische Perfektion sein – schließlich arbeitet ja hier kein Fachbetrieb für naturnahes Grün. Wichtiger ist vielmehr das Lernen und der Spaß während der Arbeit. Dazu gehört auch das Genießen der leiblichen Angebote und das Miteinander-Feiern. Es ist wichtig, alle Eltern, die Öffentlichkeit und die Sponsoren über den Stand der Dinge auf dem Laufenden zu halten. Dazu dienen eventuell eine Ausstellungswand, eine Projektzeitung und immer die lokale Presse. So lassen sich nicht nur die Beteiligten bei Laune halten, sondern auch alle anderen informieren und neue Partner einbinden.
7. Schritt: Pädagogische Einbringung im Alltag
Das Projekt wird in der Einrichtung, aber auch außerhalb zu neuen Erkenntnissen, Strukturen und Kommunikationswegen führen. In den nachfolgenden Monaten gilt es, das veränderte Außengelände pädagogisch sinnvoll in den Spielablauf und Alltag der Kinder und Jugendlichen einzubinden. Mit pädagogischem Geschick lassen sich hier auch Klippen umschiffen, wie dreckige Kinder und Kleidung bei nassem Wetter. Matschhosen oder Allwetterkleidung und spezielles Schuhwerk für draußen können hier Entspannung bringen.
8. Schritt: Begleitende Pflegeeinsätze
Unter Anleitung eines Fachberaters werden die neu entstandenen Lebensräume für mindestens zwei bis drei Jahre von der Einrichtung in Zusammenarbeit mit der Kommune betreut. In den folgenden Jahren wird der Fachberater nur bei Bedarf herangezogen. Die entsprechenden Kosten sind bereits vor Projektbeginn abzustimmen und bereitzustellen. Auch lassen sich viele Pflegemaßnahmen wie etwa Weidenschneiden in den Kinderalltag integrieren, so dass hier keine externen Kosten entstehen.
9. Schritt: Weitere Umgestaltungsaktionen
Gemäß dem Grundsatz „Das beste Außengelände ist eines, das nie fertig wird“ können in den folgenden Jahren je nach Kapazität und Finanzmitteln weitere Geländeteile umgestaltet werden.
Kindergartenhits von 3-6 jährigen aus 12 Modellen
Spielbereich
Rutsche 9
Klettersteine/mauer 8
Kletterbäume 5
Balancierbaum 5
Schaukel 4
Wasserrutsche 2
Hüpfpalisaden 1
Schwingseil 1
Naturbereich
Berg/Hügel/Täler 10
Blumenwiese/Blumenrasen 10
Natürliche Wege 9
Bäume und Sträucher 8
Brücke 6
Feuerplatz 6
Wildblumen 5
Labyrinth 1
Kreativbereich
Weidenbauten 8
Matschbereich mit Sand/Kies 5
Wasserspiel 5
Sand/Kiesfläche 2
Marterpfahl 2
Ruhebereich
Sitzplatz 5
Höhle 2
Literatur:
Pappler, Manfred und Dr. Reinhard Witt (2001): Natur-Erlebnis-Räume. Neue Wege für Schulhöfe, Kindergärten und Spielplätze. Gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen planen, bauen und pflegen. Mit CD-ROM für eigene Projekte. Kallmeyer Verlag, Seelze.
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