Naturkindergärten in Nordrhein-Westfalen
Dipl. Ing. Adalbert Niemeyer-Lüllwitz, D - Drecklinghausen
Projektleiter Naturkindergärten, Natur und Umweltschutzakademie
„Der junge Mensch braucht seinesgleichen nämlich Tiere, überhaupt Elementares, Wasser, Dreck, Gebüsche, Spielraum...“ (Alexander Mitscherlich).
„Natur-Kindergarten, das ist für mich ein gelungenes Konzept, Kinder ganzheitlich zu fördern“ (aus dem Brief einer Kindergartenmutter)
Kindern vielfältige Möglichkeiten zum kreativen Spiel in der Natur anbieten, zur Gestaltung eigener Abenteuer, zur Nutzung eines Spielraumes als wirklichen Freiraum das und noch vieles mehr kann „Natur-Kindergarten“ bedeuten. „Natur-Kindergarten“ lässt sich nicht exakt definieren: Insbesondere geht es darum, Natur bezogene Erlebnisse auf vielfältige Weise in die Arbeit mit Kindern einzubeziehen. Naturgemäß steht dabei das Außenspielgelände im Mittelpunkt, aber die Aktivitäten können auch die jeweiligen Gebäude und das erreichbare Umfeld der Einrichtung einbeziehen.
Seit über 13 Jahren werden die Einrichtungen in NRW dabei durch die Natur und Umweltschutzakademie NRW (NUA) bzw. ihre Vorläufereinrichtung (Naturschutzzentrum NRW bis 1997) unterstützt. Mit einer Informations- und Fortbildungskampagne förderte damit erstmalig in Deutschland ein Bundesland konzentriert die Natur bezogene umweltpädagogische Arbeit an Kindergärten und löste damit weit über NRW hinaus eine enorme Resonanz aus.
Wichtige Elemente dieser Kampagne waren bzw. sind:
- Modellprojekte an einzelnen Einrichtungen
- Fortbildungsangebote/Workshops/Seminare für Erzieherinnen und Erzieher
- Broschüren und Materialhefte mit praktischen Anleitungen (siehe: Literatur)
- ein landesweiter Wettbewerb, mit dem zusätzlich für die Idee geworben wurde (Wettbewerb als Anreiz, Imagewerbung, Ideen aus dem Wettbewerb publiziert)
- eine Wanderausstellung sowie viele weitere Aktionen vor Ort.
Durchweg positiv, ja geradezu begeistert haben unzählige Einrichtungen die Ideen der Kampagne aufgegriffen. Neben der NUA haben in NRW als auch anderen Bundesländern viele Bildungseinrichtungen, Verbände, Behörden, Planungsbüros etc. durch eigene Aktivitäten Akzente in Richtung naturnahe Spielplätze und Kindergärten gesetzt.
In welch starkem Maße diese Anregungen in die Praxis umgesetzt wurden, zeigen auch die Ergebnisse des 1995 ausgeschriebenen Wettbewerbs „Natur-Kinder-Garten“, an dem sich 100 Einrichtungen aus NRW beteiligten. Ergebnisse wurden in der Broschüre „Kinderträume Erlebnisräume“ dokumentiert. Die Projektbeispiele belegen eindrucksvoll die Entwicklung zu mehr Natur an nordrheinwestfälischen Kindertageseinrichtungen. Natur und Umweltthemen sind heute ein selbstverständlicher Bestandteil der pädagogischen Arbeit. Und fast immer konzentrierten sich die Aktivitäten der letzten Jahre darauf, das Spielgelände naturnäher und erlebnisreicher zu gestalten.
Bezogen auf die Umgestaltung der Spielgelände konnten dabei viele wichtige Erfahrungen gesammelt werden, von denen hier einige stichpunktartig genannt werden sollen:
1. Leitlinie von Umgestaltungen sind pädagogische Konzepte, die dem „handgreiflichen Lernen“ und dem „freien Spiel“ einen hohen Stellenwert einräumen. Die ErzieherInnen - Teams bringen dabei ein hohes Maß an Kompetenz in die Arbeit ein. Planung, Umsetzung, Betreuung und Pflege sollten deshalb in Händen der Einrichtung bzw. des Erzieherinnen -Teams liegen. Firmen, Behörden, Vereine etc. sind beratende Partner und übernehmen Arbeiten, die die Einrichtung nicht durchführen kann.
2. Eine vielfältige Geländestruktur mit Hügeln und Tälern, unterschiedlichen Materialien und vielfältiger Bepflanzung bietet Kindern optimale Voraussetzungen für ein Spiel, das die Entwicklung aller Sinne und von positiven Einstellungen ebenso fördert wie die körperliche Entwicklung und das Sozialverhalten.
3. Daraus lassen sich wichtige Forderungen für die Gestaltung ableiten: Das Gelände muss frei bespielbar sein, Teilbereiche müssen veränderbar sein, störanfällige Bereiche (z.B. sensible Biotope) können funktionieren und eine Bereicherung sein, wenn es daneben ausreichend große Flächen für das freie Spiel gibt.
Kriterien für eine naturnahe Gestaltung sind:
Geländestruktur: abwechslungsreich, „unübersichtlich“, Hügel, Gruben, Nischen, Sträucher, Hecken. Gelände muss bespielbar sein (Höhlen, „Wälder“Kriechgänge usw.)- Bepflanzung: Gehölze unterstützen atmosphärische Raumgestaltung, steigern zugleich den Erlebniswert (Blüten, Laub, Früchte, Lebensraum für Tiere ...). Heimische Wildpflanzen mit hohem ökologischem Wert verwenden.
- Elementare Spielmaterialien (Sand, Steine, Holz, Wasser etc.) für freies Spiel fördern Kreativität und Phantasie, vermitteln vielfältige Natur und Umwelterlebnisse ....
- Angebote zum gärtnerischen Arbeiten und Natur-Erleben, Umgang mit Pflanzen: Lebensprozesse werden begreifbar, eine positive Beziehung zur Natur entwickelt sich ...
- Angebote zur Förderung körperlicher Aktivität und Geschicklichkeit dürfen nicht fehlen: Raum zum Toben, für Ballspiele, Kletterbäume und -geräte, Balancierstämme etc. Moderne Spielgeräte lassen sich auf Wunsch gut in eine naturnahe Geländestruktur integrieren (z.B. Rutsche/Kletterhügel)
4. Folgende Planungsschritte haben sich bewährt:
- Ideensammlung, Information/Kontakte/Beratung, erste Planungsskizzen
- evtl. eine Start-Aktion (z.B. Kindergartenfest)
- professionelle Planungshilfe zumindest beratend hinzuziehen Information und Aktivierung der Eltern, Mobilisierung möglicher Helfer
- Entwicklung eines Planungskonzepts (Gestaltungsplan, Zeitplan, Kosten etc.)
- Kinder einbeziehen
- Abstimmung des Konzepts mit Träger, evtl. Behörden, Unfallversicherung etc.
- Umsetzung: kleine Schritte: viele Pflanz und Bauaktionen, Projekttage (mitElternunterstützung), evtl. auch große Schritte (z.B. Konzeption derForschungsstelle für Spielraumplanung)
- Begleitung durch Presse und Öffentlichkeitsarbeit
5. Naturnahe Umgestaltung muss nicht teuer sein. Je nach Ausgangslage kann das Gelände in kleinen oder großen Schritten verändert werden. Pädagogisch sinnvoll ist es, möglichst viele Arbeiten in Eigeninitiative (zusammen mit den Eltern) anzupacken. Die Einbeziehung von Fachleuten (zumindest bei der Planung) ist aber zweckmäßig bzw. bei einer aufwendigeren, grundlegenden Umgestaltung unverzichtbar.
6. Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit ist insbesondere das Engagement der Erzieherinnen und Erzieher. Durchweg lässt sich hier eine hohe Motivation und Einsatzbereitschaft feststellen. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kamen voller Tatendrang von Seminaren und Besichtigungen zurück. Vielerorts haben sie sehr erfolgreich die Ideen und Anregungen umgesetzt und sie auf ihre Situation vor Ort zugeschnitten. Dieser Einsatz verdient unsere Anerkennung! Gerade in einer Zeit, in der um ausreichende Finanzmittel und Kindergartenplätze gerungen wird, teilweise auch zu Lasten einer anspruchsvollen pädagogischen Arbeit in den Kindergärten, brauchen Kindergärten unsere Unterstützung!
Literatur:
Im Rahmen der Kampagne „Natur-Kindergärten“ von der NUA herausgegebenes Material und andere Quellen:
Natur-Kinder-Garten, Materialheft für Kindergärten, Themen: Boden, Wiese, Teich. 1. Aufl. 1990, 6. Aufl. 1998, Sonderauflage Land Brandenburg 1991
Natur-Spiel-Räume für Kinder, Materialheft zur Gestaltung naturnaher Spielräume, 1. Aufl. 1991, 9. Aufl. 1999, Sonderauflagen Brandenburg und Rheinland-Pfalz
Natur-Werkstatt für Kinder. Materialheft für eine Natur bezogene Bildungsarbeit mit Kindern, 1. Aufl. 1997, 3. Aufl. 1999 (30.000)
„Kinderträume Erlebnisräume“, Dokumentation über Natur-Kindergärten in NRW, viele Erfahrungsberichte (1. Aufl. 1999)
Beratungsmappe Natur rund um den Kindergarten, Hrsg. U.a. NRW-Stiftung, Bezug über NUA, 1. Aufl. 2000
Wasser und Natur erleben - Ökologisch orientierte Spiel und Erlebnisräume. A 4, 176 Seiten, Ministerium für Umwelt und Forsten Rheinland-Pfalz, Kaiser-Friedrich-Str. 7, 55116 Mainz, 1997.
Hohenauer, Peter: Spielplatzgestaltung naturnah und kindgerecht, 176 Seiten, Bauverlag GmbH, Wiesbaden und Berlin 1995.
Lange, Udo/Stadelmann, Thomas: Spielplatz ist überall. Lebendige Erfahrungswelten mit Kindern planen und gestalten, 144 Seiten, Verlag Herder, Freiburg 1996.
Seeger Christina /Roland Seeger: Kostengünstige Natur-Spiel-Räume, A 4, 168 Seiten, Forschungsstelle für Spielraumplanung (FFS), Birkenweg 1, 35644 Hohenahr-Altenkirchen, Tel. 06444/6177, Fax 06444/6277 oder 8441.
Wagner, Richard: Natur-Spiel-Räume gestalten und erleben, 112 Seiten, Ökotopia Verlag, Münster 1995.
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