Hinweis

Naturgartenporträt von Birgit Auer aus D - 78467 Konstanz

1992 zog ich in das Haus in Konstanz am Bodensee mit 750 qm Rasengrundstück ein. Es war ein langweiliger immer kurzgeschorener Einheitsrasen, von ein paar einsamen Forsythien unterbrochen, das Grundstück war begrenzt von magersüchtigen Koniferen, schlitzäugiger Berberitze , Liguster, da und dort Stellen mit „Architektentrost" (Cotoneaster) überwuchert, ein blauer Nierenschalenteich aus Beton mit Goldfischen lag zusammenhangslos in der Mitte. Der typisch karge und spröde 60iger Jahre-Stil.

Noch in völliger Unkenntnis von heimischen Wildpflanzen, aber mit dem natürlichen Bedürfnis von naturnahem Ambiente, legte ich einen 8x4m großen Teich an. Die drei Goldfische bekamen noch eine Gnadenfrist im Teich, bis sie endlich das Zeitliche segneten. Den Aushub mit den zerschlagenen Betonresten drapierte ich instinktiv um den Teich herum, füllte mit Erde auf, dazwischen lag ein Plattenweg. Nun mussten die Hügel bepflanzt werden.

Mit Null Gartenkenntnissen kaufte ich im Baumarkt Pflanzen, die allesamt im nächsten Jahr spurlos verschwunden waren. So ging das ein paar Jahre, bis ich auf den Trichter kam, dass Pflanzen bestimmte Bedürfnisse haben. Von da an und mit Hilfe von Büchern versuchte ich mein Glück aufs Neue. Im Laufe der Jahre bekam ich Kontakt zum Nabu, von da an erwachte mein Interesse an heimischer Pflanzenwelt und ihrer Kreisläufe mit den Tieren. Inzwischen kamen mir auch die Bücher von R. Witt in die Finger. Viele Impulse versuchte ich umzusetzen, wilde Rosensträucher (die Cotoneasterflächen werden inzwischen von der Rosa arvensis überwachsen) und viele Pflanzen aus seinem Buch „ Wildpflanzen" stehen nun in meinem Garten. Geißblätter ranken sich um die Koniferen im Wettstreit mit dem wilden Hopfen und den Brombeeren.

Es entstand zusätzlich eine kleine Wildtierauffangstation, ein Modellprojekt mit einer Trockensteinmauer (mit eingebautem Höhlensystem) aus Recyclingbeton wurde gestartet (eine Koop. von der Fa. Meichle - Mohr und Schwegler ), Kleinbiotope entstanden (Steinhäufen, Reisighäufen, Hummelkasten, Wildbienenhäuser, Hornissenkasten, versch. Vogelkästen, Fledermauskästen). Die Ligusterhecke bepflanzte ich in zweiter Reihe mit heimischen Sträuchern und belegte dazwischen den Platz mit dem jährlichen Heckenschnitt, entfernte die Forsythien und erweiterte sukzessive die Rasenfläche um den Teich mit Wildblumen und Büschen, magerte einzelne Flächen mit Sand und Kies ab.

Bepflanzt wurde mit Pflanzen von Strickler, Hof- Bergarten, Syringa, selbst gesammelten Samen und was ich so nach und nach von Gartenbesitzern geschenkt oder im Tausch bekam (ich gebe zu, dass ich auch schon Pflanzen in der Natur stibitzt habe). Inzwischen nutze ich auch die Samenbörse des Naturgartenvereins. Einmal habe ich aus Unwissenheit das Schöllkraut bestellt und die Knoblauchsrauke, obwohl die schon zu hauf im Garten ihr Unwesen trieben. So lernt man eben auch!
Das Motto der Bepflanzung heißt: wild, heimisch, naturnah, tierfreundlich und ein bisschen exotisch.

Im Vorgarten entfernte ich die asiatische Berberitzenhecke und ließ mir von einem anthroposophischen Schreiner einen Holzzaun errichten, bei dem jede einzelne Stakete eine individuell geschwungene Form hat (böse Zungen bezeichnen ihn als Wildwestzaun).
Dazu Sträucher wie schwarze, rote, blaue Heckenkirsche, Seidelbast, breitblättriges Pfaffenhütchen, Buchs, Alpenclematis, Stechpalme, Mannsblut etc im halbschattigen und eine Trockenstandort-Stauden-Freßmeile im sonnigen Bereich einschl. Schlehdorn und Bibernellrose, die sich gegen die Zaunrübe zur Wehr setzen müssen.
Wollte ich nun alle meine Pflanzen und Sträucher aufzählen, so würde es mir und Ihnen, liebe Leser, schwindelig werden und zu viel Zeilenplatz in Anspruch nehmen, jedenfalls ist die Sammlung so weit gediehen, dass sie von März bis Oktober blüht. Das gesamte Abräumen der Stauden geschieht selbstverständlich im Frühjahr, um meinen Freunden, den Insekten die Winterbehausung zu gewährleisten.
Am besten wäre es jedoch, mal ins schöne Konstanz zu kommen und die Pracht zu genießen, mit einer Tasse Kaffee und eigenem Johannisbeerkuchen. Vielleicht haben Sie dann Glück und können dem südwestdeutschen philharmonischen Frosch-Konzert an meinem Teich lauschen, wenn nicht gerade die Ringelnatter alle Musiker verspeist hat. Oder Sie beobachten Pünktchen und Anton, das wilde Stockentenpärchen, wie sie sich ihre Freizeit mit Liebesspielen vertreiben, vielleicht sind auch gerade die Stieglitzeheleute da und speisen an der Kohldistel.

Da und dort stehen im Garten selbst geschnitzte Holzfiguren, interessante Wurzelgebilde , bepflanzte Baumstümpfe und Mosaikarbeiten eines Künstlers. Ebenso für menschliche Gäste und Feste gibt es einen großen Natursteintisch mit Holzstämmen als Sitzgelegenheit. Der Komposthaufen wird regelmäßig mit Rasenschnitt belegt, so dass sich auch Ringelnattern und Blindschleichen ringelschleich-dampfig wohl fühlen.

Dem Naturgarten-Fan brauche ich nicht zu erzählen, dass mit jedem natürlichen Element und mit jeder tierfreundlichen Pflanze im Garten die Tiere immer zahlreichere Besucher und Bewohner wurden. Der anliegende Wald tat und tut sein übriges zur Vernetzung.

Auch das nudistische Schneckenproblem möchte ich nicht auslassen. Mit einem Halogenscheinwerfer gehe ich nachts auf Jagd und mache den Nacktschnecken den Garaus mit der Schere, zugegebenermaßen mit einer Mischung aus Jagdinstinkt und schlechtem Gewissen. Es ist, finde ich, die am wenigsten qualvolle Methode. Die bekleideten dürfen weiterleben.

Als in der direkten Nachbarschaft das Haus frei wurde, fragte ich den Biologen Dr. Mike Hermann (er hat eine neue Wildbienenart entdeckt, ebenso züchtet er Wildbienen zum Verkauf als Bestäubungshilfe) , ob er nicht mit seinen 3 Kindern einziehen möchte. Ich wusste um die Animositäten von englischen Rasenbesitzern und anderen Exotenliebhabern mit meinem Garten, in dem die Wildpflanzenarten nun schon zahllos geworden und die Samen nur so vor Freude in der Gegend herumflogen und hüpften und denen Zäune und Begrenzungen wurscht waren. Das klappte also auch. Seine Wildbienen und die 3 Jungs vergnügen sich gerne naschend bei mir.

Von Hr. Hermann habe ich bei seinen Rundgängen durch den Garten erfahren, welch seltene Arten von Insekten sich bei mir tummeln. Auch er war erstaunt darüber und ist inzwischen davon überzeugt, dass ein Naturgarten dieser Art einen echten Beitrag zum Artenschutz leistet.
Seit meinem Einzug sind nun schon 17 Jahre vergangen, in meinem Garten gibt es kein Fleckchen mehr, das neu zu bepflanzen wäre, so manch alter Waschzuber, Salatsiebe, gusseiserne Kochtöpfe und alte Steingut- Gurkenfässer mussten als Erweiterung herhalten, auch das Garagendach ist vollgestellt, ein bisschen Rasen sollte zum Verweilen ja auch sein. Gerade die Spannung zwischen frisch gemähtem Rasen und den Wildpflanzeninseln mit den versch. Kleinbiotopen ist reizvoll. Um der Vielfalt willen lasse ich nie größere Ansammlungen von einer Sorte Pflanzen wachsen, was mehr Arbeit macht, die Farben-und Tiervielfalt aber vergrößert.

Die Unwissenheit und die mangelnde Erfahrung hat mir trotz allen Bemühens und Informierens viel Plage und vermehrte Pflegezeit als Folgeerscheinung gebracht, da ich verschieden zu pflegende Pflanzengesellschaften zusammengebracht und sie wild gemixt habe, so dass ökonomisches Arbeiten schwierig ist. Außerdem wusste ich damals nicht, dass Girsch, Winde, Quecke etc. einem so zusetzen können. Auch die Zimtrose kann ihre Neugierde nicht zügeln. Das Teichwasser (1,5 m tief) muss ich alle 5 Jahre teilweise ablassen, um den angesammelten Schlamm zu entfernen. Das Abfischen der zahlreichen Wasserbewohner macht dabei die größte Arbeit.

Ich bringe es allerdings nicht übers Herz, den Bagger zu holen und ein neues pflegeleichteres Konzept umzusetzen. Mit jeder Pflanze und ihrer mühevollen Ansiedlung verbindet sich eine persönliche Geschichte.

Heute bin ich natürlich klüger, dank der Naturgartenbewegung.
Es hat allerdings auch seinen Reiz, den „Feindespflanzen" auf den Leib zu rücken mit täglichem Rausrupfen und Girschsuppen am laufenden Liter, bis die gewollte Pflanze sich durchgesetzt und den Tatendrang des Girsches eingeschränkt hat. Es ist wie im wirklichen Leben, wo man täglich neu mit seinen Schattenseiten zu tun hat und versucht, sich dem Negativen zu stellen und kreativ damit umzugehen. Überhaupt ist so ein Garten das Abbild der ureigenen Persönlichkeit, die darin geformt und entwickelt wird. Trotzdem würde ich jedem Interessierten Heute ein anderes Konzept anraten. Fürs Alter werde ich vielleicht doch noch mal neu beginnen, damit ich mir das Leben nicht ganz so schwer mache.

Inzwischen gibt es in Konstanz, u.a. durch meine Initiative, die „Tage des offenen Gartens". Es sind dies die Höhepunkte meines Gartenlebens, wenn ich Menschen begeistern kann für die Naturgartenidee und sehe, wie sie sich vom Charme dieser Oase mitten in der Stadt verzaubern lassen. Ebenso bietet der Nabu Führungen darin an, wo ich mein immer noch kleines Wissen samt überzähliger Pflanzen versuche weiterzugeben.

Dankbar bin ich für das Glück, in einer solchen Lebensgemeinschaft Garten leben zu können, dankbar auch für die vielen Menschen, die zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Wer Mal nach Konstanz einen Abstecher machen möchte ( am besten Juni/Juli ) kann einfach anrufen oder mailen (ein Gästebett ist auch vorhanden), auch sonst bin ich ansprechbar für laienhafte Tipps rund um den Naturgarten. Birgit Auer (56J.), Sonnentauweg 45, 78467 Konstanz Telefon: 07531/62419 oder 0151-1270-7567
Oder: libelle 53@t-online.de