Hinweis

Der kleinste Naturgarten Deutschlands

Werner David, D - Erding

Er hat nur einen Durchmesser von 15 cm und liegt wellenumtost mitten im Königssee. Und jedes Jahr liefert er eine reiche Obsternte.

Das leise Summen des Elektromotors verstummt, die Menge strömt von Bord des Schiffes. Kameras werden gezückt um schroffe Steilhänge und die malerische Oberfläche des Königssees in verbraucherfreundlichen Pixeln einzufrieren. Aber schnell bitte, schließlich wartet noch eine lange Liste von Sehenswürdigkeiten auf das erlösende Häkchen. Die Fast food-Mentalität des modernen Menschen macht auch vor der Fotografie nicht halt. Schauen und genießen kann man dann in Ruhe zuhause, nach dem Motto: „Schau mal einer an, da waren wir also auch!“.

Ein leises, stilles Wunder bleibt völlig unbeachtet zu Füßen der Menschen zurück.

Baum_30_1.jpgIch setze mich an den Bootssteg um den Anblick auf mich wirken zu lassen. Ist Natur nicht einfach unglaublich? Das Leben bricht sich seine Bahn immer wieder mit einer rotzfrecher Unbekümmertheit, die mir ein bewunderndes Staunen abnötigt. Ein kaum über die Wasseroberfläche ragender Pfahl mitten im Wasser, eine winzige Insel mit 15 cm Durchmesser und schon spuckt sich die Schöpfung unternehmungslustig in die Hände. Vermutlich war das Stück Holz irgendwann das Ziel eines spontan inszenierten Zwetschenkernzielspuckens. Der stolze Gewinner hat es dann tatsächlich geschafft an diesem unwirtlichen Platz zu keimen, noch bevor er von den Wellen wieder davon gespült wurde. Vermutlich fanden die ersten Wurzeln in den feuchten Moosen genügend Halt, um die Verankerung des Keimlings zu sichern. Dann reckte der kleine Eroberer seine Keimblätter in das Licht und erklärte die Insel feierlich zu seinem Besitz. Wie das zarte Pflänzchen die schweren Stürme im Herbst überlebt ist mir absolut schleierhaft. Irgendwann trieb das kleine Bäumchen dann schüchterne, weiße Blüten, die von einem - wahrscheinlich sehr verwunderten - Insekt bestäubt wurden. Inzwischen ist die Ernte auf stolze drei Zwetschgen angewachsen, ein winziger Garten Eden mit einer ungewissen Zukunft. Bisher ist der gnadenlose Blick deutscher Ordnungsliebe Gott sei Dank noch an ihm vorbeigegangen, aber wie lange noch?

Wenn es nach mir ginge, würde ich diesen unerschrockenen Obstlieferanten und seine Insel in allen Ehren entfernen und auf einer Lichtung mit Blick auf den Königsee einpflanzen. Dort könnte er ungestört zu einem stattlichen Baum heranwachsen und seinen Kindern voller Stolz über seine abenteuerliche Jugend berichten.

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Werner David
85435 Erding, 2004
E-Mail: wernerimweb@web.de

Für alle Freunde der Lachfältchen:
Die mannigfachen Freuden des Naturgartens: www.bauches-lust.de/naturgarten/index.html

 

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