Die Naturgartenbewegung in Europa: Versuch eines geschichtlichen Rückblicks
Dies ist eine persönliche Rückschau, in der wir unser Wissen nach besten Kräften zusammengetragen haben. Wir haben uns bemüht, die Daten und Fakten wertfrei wiederzugeben. Falls sich irgendwelche Fehler eingeschlichen haben sollten, bitten wir um Nachsicht und eine kurze Mail an die Geschäftsstelle geschaeftsstelle@naturgarten.org. Auch freuen wir uns sehr über zusätzliche Angaben und Erläuterungen, die hier noch fehlen.
Geburtswehen in Deutschland
1900-1920: Erste Gehversuche und Stillstand
Zwar gab es auch in den Jahrhunderten davor immer wieder Einzelne, die Gedanken des Naturgartens und die Verwendung von Wildpflanzen publik machten, doch bezogen sich diese Ideen nur selten auf heimische Arten und waren selten präzise formuliert. Als einer dieser Vorfühler, -reiter und -denker kann gelten: William Robinson (1870, The Wild Garden). In Deutschland begann die Naturgartengeschichte erst Anfang des 20. Jahrhunderts.
1907
Starten wir in Berlin. 1907 erschien Die Gartengestaltung der Neuzeit von Willy Lange und Otto Stahn. Lange war Königlicher Garteninspektor, Abteilungsleiter und Lehrer an der Königlichen Gärtnerlehranstalt Dahlem. In diesem Buch finden sich neben der Verwendung von Zierpflanzen auch Tipps und Beispiele zur Verwendung heimischer Arten, unter anderem im Kapitel „Der Naturgarten“. Den beiden Autoren ging es um die „Künstlerische Steigerung der Naturwahrheit“. Neben heimischen wurden ergänzend Zierarten herangezogen. Die in diesem Buch vertretene Auffassung, mit heimischen Pflanzen zu gestalten, wurde in den folgenden Jahrzehnten beibehalten, aber bedauerlicherweise der rassistischen Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis einverleibt (heimisch = gut, fremdländisch = schlecht). Gelegentlich wird der Naturgartenbewegung deswegen der Vorwurf gemacht, sie hätte sich nicht auseinandergesetzt mit dieser Historie. Die Blut-und-Boden-Ideologie jedoch versank glücklicherweise in und mit den Trümmern des 1. Weltkrieges und des 3. Reiches. Leider gingen damit auch die ersten guten Ansätze verloren, mit heimischen Pflanzen zu arbeiten. Doch sie sollten in den Niederlanden weiter geführt werden. In den darauf folgenden 50er und 60er Jahren ging es in Deutschland gartengeschichtlich um Anderes, d.h. um Ernährung, Wohlstand und Mehrwert in den Gärten. Die ursprüngliche Idee war hierzulande vergessen. Ein Neuanfang war nötig.
1. Wiedergeburt in den Niederlanden
1920-1970: Die Idee wird praxisreif
Mitbeeinflusst durch deutsche (aber auch englische Vorbilder) wurde die Idee ein neues Mal geboren - diesmal aber sehr konsequent und effektiv. Man begann ausschließlich heimische Arten im öffentlichen und privaten Grün einzusetzen.
1925
Der Neuanfang wurde nicht in Deutschland gemacht, sondern bezeichnenderweise in einem Land,
das soviel Kunstlandschaft wie kein anders hat:
den Niederlanden. Dort gab es anfangs des Jahrhunderts starke Befürworter der Naturgartenidee. Jac. P. Thisse war einer von ihnen, er eröffnete 1925 in Bloemendaal bei Amsterdam den ersten (noch heute bestehenden) öffentlichen Naturgarten in Holland, nur mit heimischen Pflanzen.
1940
Sogar im und kurz nach dem 2. Weltkrieg entstanden in den Niederlanden immer mehr dieser Naturparks. Einer von ihnen ist der Jac P. Thijsse-Park in Amstelveen. 
Er umfasst 5,3 ha und enthält über 500 ausschließlich heimische Arten. Ihn gibt es – vorbildlich – noch heute. Doch diese hervorragenden Beispiele waren Anfang der 80er Jahre im deutschsprachigen Europa anscheinend unbekannt. So musste die Idee des Naturgartens ein zweites Mal wiedergeboren werden. Doch richtungsgebend dafür war eine neue Strömung in den Niederlanden:
Der Wildnisgarten.
1973
erschien in den Niederlanden ein einflussreiches Buch: Natuur uitschakelen – Natur inschakelen, das Anfang der 80er Jahre auf Deutsch als Natur ausschalten – Natur einschalten herauskam. Autor war Louis Le Roy, ein Künstler und kein Gärtner. Er propagierte die Wildnis-Philosophie: Lasst es wachsen. Es gab keine gezielte Anlage und keine Pflege. Der Garten als Urwald. Eine Provokation für die damals prosperierende, im Wirtschaftswachstum steckende, ordentlich aufgeräumte Nachkriegszeit.
2. Wiedergeburt in der Schweiz
1980-1990: Sinn- und Sachsuche, Gründerzeit
Interessanterweise hatte die niederländische Professionalität der Naturgärten mit Verfechtern wie Hein Konigen oder Rob Leopold um diese Zeit nicht so viel Dynamik und Einfluss, um über die Landesgrenzen auszustrahlen. Nicht ihre noch heute vorbildlichen Anlagen bewusst geplanter, gestalteter und mit enormem Fachverstand gepflegter Naturgärten gaben den Anstoß für einen neuen Anlauf in Deutschland, sondern ironischerweise die revolutionäre Wildnis-Gegenbewegung von Louis Le Roy. Deutschlands Gärten und Grün waren auch dafür dankbar. Aber auch dieser 2. Anstoß sollte aus dem Ausland kommen, aus der Schweiz. In diesem Jahrzehnt begannen an verschiedenen Orten sehr verschiedene Menschen, sich mehr oder weniger professionell mit der Naturgartenidee zu befassen. Gesucht wurde der Sinn der Idee: Was ist ein Naturgarten? Noch mehr aber wurde erprobt, wie macht man das überhaupt? Und welche Pflanzen bekomme ich woher?
1980
erschien im Krüger Verlag, Frankfurt, das Buch des Schweizer Lehrers und Naturgartenpioniers Urs Schwarz: Der Naturgarten. Versehen mit einem Vorwort des Vorzeige-Umweltschützers Horst Stern erreichte es eine Auflage über 100.000 Exemplare, sensationell für ein Natur-Gartenbuch. Doch Urs Schwarz´ Idee hatte nichts mit der heutigen Idee gemein. Er missverstand den Garten als Wildnis, wo alles fröhlich vor sich hin wucherte, man kaum gestaltete und wenig oder gar nicht eingriff. Anfang der 80er Jahre begannen ungeachtet dessen in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden Pioniere mit ersten Projekten und professioneller Wildpflanzen- und Saatgutvermehrung in Richtung Naturgarten. In Wien gründeten Paula Polak und Martin Mikulitsch bereits 1979 die Firma Naturgarten, der 1980 die erste Wildpflanzengärtnerei in Österreich folgte.
1982 
schwappte die Naturgartenidee spürbar nach Deutschland über. Im Sommer besetzte der Arbeitskreis Umwelt und Tierschutz AKUT in Bielefeld (darunter Thomas Reichelt, Hans-Georg Reiche und Reinhard Witt) den renommierten Oetkerpark in Bielefeld mit Wildpflanzen und machten so auf die desolate Situation heimischer Pflanzen im öffentlichen und privaten Grün aufmerksam.

Im gleichen Zeitraum entstand aus dem Kreis dieser Aktiven mit Naturwuchs die erste Naturgartenbaufirma Deutschlands. Hier wurden nicht nur Gärten geplant und angelegt, sondern auch Wildstauden und Obstbäume vermehrt. Es begann sich ein kleiner Markt für heimische Pflanzen zu etablieren.
1983
trat in der Schweiz ein weiterer Lehrer auf den Plan, Alex Oberholzer. Mit einem kleinen Büchlein namens Naturgarten zeigte er schon ein differenziertes Bild vom Naturgarten auf.
Er experimentierte seit 1971 im Lehrerseminar in Solothurn mit Naturgartenelementen wie Blumenwiese, Hecke, Teich und machte das Thema nicht nur in der Schweiz publik.
1983 begann auch der Biologe Bernd Dittrich in Binningen am Bodensee mit der Vermehrung von Wildblumen-Saatgut und professionellen Aussaaten. Er war der erste Produzent im größeren Stil. Im gleichen Jahr gab Wolfhart Lau von Hof Berggarten im Südschwarzwald die erste Saatgutliste heraus. In Waldhausen in Niederösterreich ist der Naturgartenpionier Werner Gamerith schon seit 1964 mit seinem privaten Naturgarten beschäftigt. In diesem Jahr baut er den 1. Schwimmteich Europas, das Vorbild für die kommende kommerzielle Schwimmteichwelle.
1985
wurde dann in der Schweiz der Verein für naturnahe Garten- und Landschaftsgestaltung (VNG) gegründet. Darunter waren neben Alex Oberholzer auch der Geograf Andreas Winkler, der in dieser Zeit zusammen mit Peter Richard d
ie Winkler- und Richard AG gründete, das erste professionelle Schweizer Unternehmen, das sowohl Wildstauden züchtete, als auch Planung, Ausführung und Pflege anbot. In dieser Saison erschien auch das 1. Buch vom Biologen Reinhard Witt: Wildsträucher in Natur und Garten brach eine Lanze für die heimischen Arten im Garten.
Im thüringischen Ranis beginnt der Lehrer Ernst Kulpe mit dem Aufbau seines Natur-Schau-Gartens.

Peter Petrich gründet mit vier Freunden in Klosterneuburg bei Wien die österreichische Gartenbaufirma Biotop.
1986
gründete sich in München aus idellen Anfängen (Wildsträucherverkauf) mit Walter Brumbauer, Günther Dallmayr, Robert Dax und Reinhard Witt eine Keimzelle in Süddeutschland. Daraus entstand mit Walter Brumbauer unter dem Namen Naturwuchs eine weitere professionelle Naturgartenfirma. Hier trat auch Friedhelm Strickler als Mitarbeiter ein. In der Schweiz arbeiten Pioniere wie der Biologe Hans Salzmann, Andreas Winkler, Gärtner und Gestalter wie Peter Richard, Fredi Zollinger und Bernhard Meyer weiter erfolgreich und immer professioneller an Gärten und der Idee. Als Meilenstein der Naturgartenbewegung kommt von Hans Salzmann und Andreas Winkler das Buch Der andere Naturgarten heraus, in dem erstmalig die zukünftige professionelle Ausrichtung des Naturgartens skizziert wird. Planung, Pflanzenverwendung, Ausführung, Pflege, all das findet überzeugende Worte und Beispiele. Der erste kommerzielle Schwimmteich wird von Biotop aus Klosterneuburg gebaut.
1987
gründet der Pfarrer Norbert Kleinz in Mainz mit Getreuen den Ausschuss für naturnahen Gartenbau der Wolfgang-Philipp-Gesellschaft, der sich ehrenamtlich für die Anzucht und Verbreitung heimischer Wildpflanzen einsetzt.
1988
gründet der Biologe Matthias Bergmann in Hamburg die Naturgartenbaufirma Biotop. 1991 stößt Dirk Ebhardt dazu. Der Grünplaner Alfred Feßler gibt das Standardwerk Naturnahe Pflanzungen heraus.
Etablierungsphase
1990-2000: Vernetzung in Europa
Sinn- und Sachfragen werden in diesem Jahrzehnt weitestgehend geklärt. Knowhow und die Professionalität wachsen enorm. Neue Ideen fassen Fuß. Vor allem aber: Es gibt keine Alleingänge mehr. Europa wird eins, auch in Sachen Naturgarten. Gute Ideen und Beispiele werden durch Naturgartenorganisationen wie Naturgarten e.V., Stiftung Oase und VNG propagiert und verbreitet. Jedes Land hat seine Stärken und Schwächen. Von den Niederlanden kommen wichtige Impulse beim öffentlichen Grün, von der Schweiz etwa bei der naturnahen Begrünung von Industrie- und Gewerbeflächen. Umgekehrt strahlt die professionelle Verwendung von Wildpflanzen in Natur-Erlebnis-Gärten und Natur-Erlebnis-Räumen von Deutschland in die Nachbarländer. Immer mehr Bücher erscheinen und tragen eine neue gewandelte Naturgartenidee.
Das Geburtsjahr von zwei Naturgartenorganisationen, die zeitgleich und ohne Wissen voneinander entstehen: Stiftung Oase, die Keimzelle der niederländischen Naturgartenbewegung wird von der Biologin Marianne van Lier und dem Sozialpädagogen Willy Leufgen in Groningen gegründet. Mit dabei sind auch holländisches Naturgartenurgestein wie Rob Leopold und Hein Koningen. In München entsteht durch Walter Brumbauer, Günter Dallmayr, Heidi Janicek und Reinhard Witt der deutsche Naturgarten e.V., dessen Geschäftsstelle anfangs noch im Büro der Firma Naturwuchs unterschlüpfte. Er lehnt sich in seiner Ausrichtung eng an die Schweizer Schwesterorganisation VNG an. Gerhard Flathmann gründet in Hamburg die erste reine Wildstaudengärtnerei Deutschlands. Der erste Naturgarten Ostdeutschlands wird von Ernst Kulpe im thüringischen Ranis aufgebaut.1991
finden die 1. Naturgartentage des jungen Naturgarten e.V. statt. Ab hier beginnt sich ein großartiges hilfreiches Netzwerk zu knüpfen, das fortan vielen den Einstieg in den Naturgarten ermöglicht. Know-how und Aktivitäten wachsen zusammen.
50 Teilnehmer machen die Tagung im bayerischen Linden zum Erfolg. Als Gäste und Wegweiser Hans Salzmann und Andreas Winkler aus der Schweiz. Alex Oberholzer aus der Schweiz schreibt mit Lore Lässer den Klassiker Gärten für Kinder. 1991 erscheint von Reinhard Witt Naturoase Wildgarten, im gleichen Jahr beendet er den Bau seiner ersten großen Anlage, den Natur-Schau-Garten Tannenlohe.
1992

Immer mehr Menschen; Laien wie Profis, stoßen zur Bewegung und unterstützen sie auf ihre Art. Viele Individualisten gehören dazu. In Freising etwa eröffnet das pensionierte Malerehepaar Huber das Wildblumenland. Im nordrheinwestfälischen Busek versucht man sich am naturnahen Schulgarten.
Die angebotenenWildpflanzenartenzahlen steigen, auch dank Profis wie Dieter Brütt, ein Samensammler. Der Naturgarten e.V. organisiert in Gartenzeitschriften Versandaktionen mit Wildsträuchern und Wildstauden, abertausende von Paketen werden in diesen und den folgenden Jahren verschickt.
1993
Bei der Internationalen Gartenbauausstellung in Stuttgart ist erstmals der Naturgarten e.V. dabei. Das Thema hat inzwischen auch den öffentlichen Raum erreicht. Hochkarätige Fachleute wie der Biologe Martin Weiß oder Stefan Krebs planen öffentliche Grünanlagen oder Blumenwiesen in der freien 
Landschaft mit heimischen Arten. In Mainz gründen Norbert Kleinz und Mitstreiter Ahornblatt, gleichzeitig entsteht in Alzey die Wildstauden- und Wildgehölzgärtnerei Strickler. Beide vervielfachen das Angebot an heimischen Arten. In den Niederlanden erscheint die 1. Ausgabe von Oasegids, 

ein Naturführer durch 167 naturnahe Anlagen und Park in Holland und Belgien.
1994
Karin Böhmer aus dem österreichschen Voitsau sammelt Wildsamen und drischt ihre Wiesen als Heudrusch. Der
Landschaftsarchitekt Joe Engelhardt steckt in Bayern inmitten einer Kampagne zur Förderung regionaler Gehölze. Autochthone Gehölze kommen in Mode. Gleichzeitig erprobt und entwickelt er die Heudrusch-Idee weiter,
Blumenwiesenansaaten durch Heudrusch anzusäen. Daraus entsteht die künftige Vermarktungsschiene von Regiosaatgut. Von Reinhard Witt erscheint Wildpflanzen für jeden Garten, mit den Verwendungsmöglichkeiten von über 100 heimischen Arten.
1995
Auch auf der Bundesgartenschau in Cottbus tauchen der Verein und das Thema Wildpflanzen auf. Norbert Kleinz schreibt das Buch Der naturnahe Garten. Von Bernd Dittrich und Reinhard Witt erscheint das Buch Blumenwiesen.
In Lauingen entsteht mit Manfred Pappler und Reinhard Witt der erste Natur-Erlebnis-Schulhof Deutschlands. Neue Wege in Planung Bau und Pflege werden beschritten, das „Dillinger Modell“ der Akademie für Lehrerfortbildung geboren. Reinhard Witt entwickelt die Idee des
Blumen-Schotter-Rasens und konzipiert mit Bernd Dittrich eine passende Saatgutmischung. Der Biologe Frank Molder aus Oettigen eröffnet mit seiner Dissertation über Verfahren oberbodenloser Begrünung die Diskussion über den Vorteil heimischer Ökotypen für Ansaaten. Ernst Rieger und Rainer Hofmann gründen in Raboldshausen den Wildsaatgutproduzenten Rieger-Hofmann. In der Schweiz wird die Stiftung Natur und Wirtschaft anlässlich des europäischen Naturschutzjahres vom Bundesamt für Umwelt BAFU und Wirtschaftsverbänden gegründet.
1996
steigt der Naturgarten e.V. auf das Dach der Bundeskunsthalle in Bonn mit einer Kunstaktion von Helen Mayer und Newton Harrison: Die gefährdeten Wiesen Europas. Dazu gibt es einen Blumenwiesen-Fachkongress.
Außerdem der erste Auftritt des Naturgarten e.V. bei der Internationalen Garten- und Landschaftsbaumesse in Nürnberg (Galabau), perfekt organisiert von Regina Kogler aus der Naturgarten e.V.-Geschäftstelle in München.

In Österreich beginnt Marlies Ortner in Stainz, eine Ärztin, mit Naturgartenaktivitäten. Immer mehr Naturgärten entstehen.

Das professionelle Wissen wächst enorm. Führungen, Tagungen, Exkursionen, neue Bücher bringen weiter und klären auf.
1997
beginnt der dreijährige Blumenwiesentest des Naturgarten e.V. mit der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft. 20 verschiedene Mischungen werden hier auf die Tauglichkeit getestet. Friedrich Möllmann und Hubertus Franke von der Landesanstalt sowie Ulrich Schwab und Reinhard Witt vom Naturgarten e.V. koordinieren die Versuche. Die Testergebnisse erregen reichlich Aufsehen, viele der Getesteten sind mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Alex Oberholzer aus der Schweiz schreibt mit Lore Lässer das Buch Ein Garten für Tiere.
1999
Die ersten fünf Fachbetriebe des Naturgarten e.V. bestehen die Prüfung. Mit den Bereichen Naturgartenplanung, Gestaltung und Wildpflanzen- sowie Saatgutproduktion schaffen sie zertifizierte Qualitätsstandards für die grüne Branche.
Die Regionalgruppe Ludwigsburg des Naturgarten e.V. präsentiert sich auf der Messe Garten Stuttgart. Bei der Forschungsgesellschaft für Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e.V. in Bonn kommen die Empfehlungen für Besondere Begrünungsverfahren heraus, eine Anleitung für und mit heimischem Saatgut. Mit in der Fachkommission saßen Joe Engelhardt, Bernd Dittrich, Frank Molder und Reinhard Witt. In Niederösterreich wird die Aktion Natur im Garten ins Leben gerufen.
Visionsphase
Ab 2000: Veränderungen, Entwicklungen, Herausforderungen
Beflügelt von den Erfolgen durch ihre hohe Professionalität suchen die Naturgärtner Europas nach neuen Arbeitsbereichen. Die Herausforderungen sind groß und in jedem Land verschieden. Überall wachsen neue Generationen von Naturgärtnern heran, die wieder auf ihre Weise den Gedanken der Naturgartenidee fortentwickeln und tragen. Die Netzwerke, die Vernetzung ist stabil und haltbar. Naturgarten ist auch aufgrund der Lobbyarbeit der europäischen Naturgartenorganisationen im Internet kein Fremdwort mehr. Die entsprechenden Webseiten erhalten starken Zulauf. Alle arbeiten an einem großen gemeinsamen Thema, in all seinen verschiedenen Facetten. Wie wird sich der Klimawandel auf die Naturgartenbewegung auswirken? Wir sind zuversichtlich, dass gerade Naturgärtner darauf sehr gute Antworten liefern werden. Auch wenn uns die Zukunft anscheinend immer mehr dahin führt, dass nichts so bleiben kann, wie es einmal war, ist und gesagt wurde. Die Grenzen zwischen heimisch und exotisch, zwischen Wild- und Zierpflanzen verschieben sich offensichtlich. Alte Arten sterben aus, neue wandern ein. Der Treibhauseffekt bricht uns die Basis dessen weg, was heimisch ist und was nicht. Bleiben wir offen, flexibel für Neues. Vielleicht braucht es in 10 oder 30 Jahren erneut eine Wiedergeburt der Naturgartenidee, angepasst an eine neue, andere Zeit. Sagen wir es mit den Worten eines Pioniers: „Die Veränderung ist das einzige, was Bestand hat im Naturgarten“ (Andreas Winkler, 1951-1997).
2000
gibt es einen großen internationalen Naturgartenkongress in Grünberg mit 
Teilnehmern aus der Schweiz, Österreich, Holland, Italien und Deutschland.
Stichwort Vernetzung.
Reinhard Witt baut den ersten Natur-Erlebnis-Kindergarten und Natur-Erlebnis-Spielplatz Deutschlands in Notzing. Der niederösterreichische Naturgartenpionier Werner Gamerith veröffentlicht Naturgarten – Der sanfte Weg zum Gartenglück.
2001
Ab diesem Jahr gibt es bei den Regelsaatgutmischungen der FLL in Bonn die RSM 8.1. für Biotopflächen (artenreiches Grünland) mit ausreichend hohem Wildblumenanteil. Von Manfred Pappler und Reinhard Witt kommt Natur-Erlebnis-Räume, Neue Wege für Schulhöfe, Kindergärten und Spielplätze heraus. Von Reinhard Witt außerdem Der Naturgarten.
2002
baut die Landschaftsarchitektin Sigrun Lobst in Rotterdam den ersten Natur-Erlebnis-Spielplatz der Niederlande.
2003
erscheint von Fritz Hilgenstock und Reinhard Witt Das Naturgarten-Baubuch, endlich wird umfassend über Naturgartenbautechnik informiert.
2004
kommt Der Unkrautfreie Garten von Reinhard Witt, eine für die konventionelle Gartengestaltung herausfordernde Auseinandersetzung mit unkrauthaltigem Oberboden, unkrautfreien Pflanzerden und erprobten Mulchverfahren. Marion Wolf und Silke Kaden beginnen mit der Umgestaltung des ersten Natur-Erlebnis-Kindergartens in Ostdeutschland in Waldkirchen in Sachsen.
2005

Der Verband der Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten gründet sich mit 24 Mitgliedern in Deutschland mit dem Ziel der regionalen Vermarktung von heimischen Arten. Ziele sind u.a. Kontrolle, Zertifizierung und Transparenz gegenüber dem Kunden.
2006
Mit dem Buch Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten von Reinhard Witt werden erstmalig die langfristigen Vorteile von heimischen Pflanzen in Gärten und öffentlichen Grün aufgezeigt.
2007
Der Naturgarten e.V. steht vor einem Antrag an das Bundesamt für Naturschutz in Bonn. Es geht um die wissenschaftliche Untersuchung des ökologischen und soziokulturellen Wertes von naturnahen Gewerbe- und Industrieflächen. Hierzu sollen Modellprojekte langfristig begleitet werden. Außerdem gibt es eine Kooperation mit Bioland bei der Wildstaudenvermarktung. Biologisch produzierte Stauden sollen stärker und öffentlichkeitswirksamer vermarktet werden.
Zusammenfassung
Die Naturgartenidee heute
Vom ursprünglichen Ansatz ist geblieben, dass es sich ökologisch und ökonomisch lohnt, mit heimischen Wildpflanzen zu arbeiten. Es gibt zahlreiche, in Zeitschriften und einschlägigen Büchern dokumentierte Beispiele von naturnahen Anlagen im privaten und öffentlichen Bereich hoch professioneller Art, die zeigen, wie man ästhetisch ansprechend, pflegeleicht und dabei gleichzeitig naturnah planen und gestalten kann. Die vor 20 oder 30 Jahren notwendige Ideologie ist deswegen verschwunden, weil sich die Naturgartenidee einen festen Platz im Privatkundenbereich und auch im kommunalen Grün erkämpft hat. Im Augenblick ist eine Öffnung zu beobachten, ein Zusammenwachsen von „Zierpflanzenverwendern“ mit „Wildpflanzenverwendern“. Ursache: Die Unterschiede erweisen sich vielfach als oft gar nicht mehr so bedeutsam. Die Herkunft heimisch oder nicht ist kein Ausschlusskriterium mehr, wiewohl Naturgärtner aus praktischen, ökologischen, naturschützerischen und Kostengründen immer mit einem Großteil heimischer Arten und Materialien arbeiten. Aber sie greifen ebenso zu Zierpflanzen. Auch Naturgarten-Planer kennen die Schönheit mediterraner Duftpflanzen, verwenden Lavendel, Salbei, lieben historische Rosen. Andererseits beherrschen sie jene Techniken und Mittel, die dazu führen, dass sich wirklich funktionierende Staudenpflanzungen, Gehölze oder Blumenwiesen etablieren und pflegeleicht halten lassen. Momentan ergibt sich die Riesenchance, dass sich mitteleuropäische Wildpflanzen mit ihren oft wunderbaren Eigenschaften zukunftsträchtig in bestehende Berufsstrukturen und Planungsmuster integrieren lassen.
Von allergrößter Bedeutung ist uns Naturgärtnern dabei die Pflanze selbst, ihre Entwicklung und Veränderung mit all dem innewohnenden Potenzial. Betrachten wir die zeitgemäßen, oft sehr strengen Gartenlösungen und die jeweiligen Modewellen der Landschaftsarchitektur in den vergangenen Jahrzehnten, so steht dies zu wenig im Vordergrund. Doch im Grunde müssen auch Planer viel mehr Gärtner sein und den Wert professioneller und nachhaltiger Pflanzenverwendung realisieren. Das ist die eigentliche Chance unseres Berufsstandes. Wenn kaum noch Pflanzenkenntnis und Verwendung, sondern Beton, Glas und Stahl (man könnte auch Schrott sagen) das geistige Kapital des Landschaftsarchitekten sind, dann geht viel verloren von unserer Lebensqualität – nicht nur im wörtlichen Sinn.
Nachhaltigkeit als Zukunft
Und flugs landen wir beim Stichwort Nachhaltigkeit. Im Zuge knapper werdender Ressourcen, schwindender Gelder in öffentlichen Kassen und Minibudgets für Privatgärten sollten sich Galabau und Landschaftsarchitekten auf das besinnen, was kostengünstig, pflegeleicht und vor allem beständig ist. Und in dieser Beziehung sind nun einmal Wildformen und naturnahe Sorten jenen Zierpflanzen vorzuziehen, die sich auf Dauer in Anlagen nicht selbst halten können. Dazu zählt zum Beispiel auch die Fähigkeit zur eigenständigen Vermehrung etwa durch natürliche Aussaat. Hier versagen naturferne Sorten, so dass Pflanzungen ständig erneuert und ersetzt werden müssen. Nur die entsprechende Pflanzenwahl garantiert, dass wir dauerhaft beständige naturnahe Pflanzungen und Ansaaten bekommen, die zusagen. Verabschieden müssen wir uns dabei vielleicht von einigen lieb gewonnenen Bildern und Ansichten.
Andererseits kennen Pflanzungen mit heimischen Arten auch Grenzen. Sie werden immer da erreicht, wo es um längere Blütezeiten geht als natürlich möglich, um neue und andere Blattformen, Strukturen, Blüten, Eigenschaften. Sie sind keine Kandidaten für Wechselflor und ziehen im Wettbewerb skurriler Formen und Farben zumeist den Kürzeren. Ebenso vertragen nicht alle heimischen Gehölze das mediterrane Klima unserer Städte; und bei Kletterpflanzen und genauso bei Rosen oder Duftpflanzen lässt sich mit zusätzlichen, nichtheimischen Arten viel erreichen.
Doch nichtsdestotrotz: Das Potenzial naturnaher Pflanzungen und Ansaaten ist längst nicht ausgelotet. Die planerische, gestalterische und pflegerische Begleitung natürlicher Wachstumsprozesse mit heimischen Pflanzen bieten jede Menge persönliche und befriedigende Erfahrungen. Betrachten wir die Entwicklung naturnaher Ansaaten und Pflanzungen als großartige Chance für eigenes Wachstum in Geduld, Einsicht, Verständnis gegenüber der Mitwelt, uns selbst, Mitmenschen gegenüber und natürlich gegenüber den Pflanzen. Lernen wir die Pflanzen, die wir verwenden, wirklich kennen. Reifen wir mit ihnen.
Reinhard Witt
Literatur zum Thema
Die meisten dieser Bücher sind vergriffen, einige erhält man gebraucht, andere kann man ausleihen und die neueren gibt es noch im Handel oder beim Autor. Viel Erfolg beim beschaffen!
Gamerith, Werner: Naturgarten. Der sanfte Weg zum Gartenglück. Brandstätter Verlag, Wien 2000.
Feßler, Alfred: Naturnahe Pflanzungen. Ulmer Verlag, Stuttgart 1988.
FLL Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau: Empfehlungen für Besondere Begrünungsverfahren, Bonn 1999.
FLL Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau: RSM 2001: Regelsaatgutmischungen, Bonn 2001.
Harrison, Helen Mayer/Harrison, Newton: Die gefährdeten Wiesen Europas. Kunst- und Ausstellungshalle der BRD, Bonn 1996.
Hilgenstock, Fritz/Witt, Reinhard: Das Naturgarten-Baubuch. Callwey Verlag, 2003.
Kleinz, Norbert: Der naturnahe Garten. Naturbuch Verlag, Augsburg 1995.
Le Roy, Louis G.: Natur ausschalten – Natur einschalten. Klett-Cotta Verlag, 1983.
Lier, Marianne,van/Leufgen, Willy: Oasegids. Natuurijke Parken en Tuinen. Stichting Oase 2003.
Molder, Frank: Vergleichende Untersuchungen mit Verfahren der oberbodenlosen Begrünung unter besonderer Berücksichtigung areal- und standortbezogener Ökotypen. Justus Liebig Universität, Gießen 1995.
Naturgarten e.V.: Blumenwiesen im Test. München 2001.
Oberholzer, Alex/Lässer, Lore: Naturgarten. Hallwag Verlag 1983.
Oberholzer, Alex/Lässer, Lore: Ein Garten für Tiere. Erlebnisraum Naturgarten. Ulmer Verlag 1997.
Oberholzer, Alex/Lässer, Lore: Gärten für Kinder. Ulmer Verlag, Stuttgart 2003.
Pappler; Manfred/Witt, Reinhard: Natur-Erlebnis-Räume. Kallmeyer Verlag, Seelze 2001.
Robinson, William: The Wild Garden. Century Hutchinson Ltd/The national trust, London 1983.
Schwarz, Urs: Der Naturgarten. Krüger Verlag, Frankfurt 1980.
Stange, Willy/Stahn/Otto: Die Gartengestaltung der Neuzeit.Verlagsbuchhandlung von J.J. Weber, Leipzig 1907.
Winkler, Andreas/ Salzmann, Hans: Der andere Naturgarten. Ringier Verlag 1986.
Witt, Reinhard: Wildsträucher in Natur und Garten. Kosmos Verlag, Stuttgart 1995.
Witt, Reinhard: Naturoase Wildgarten. BLV Verlag, München 1991.
Witt, Reinhard: Wildpflanzen für jeden Garten. BLV Verlag, München 2003.
Witt, Reinhard: Der unkrautfreie Garten. Obst- und Gartenbau Verlag, München 2004.
Witt, Reinhard: Der Naturgarten. BLV Verlag, München 2005.
Witt, Reinhard: Nachhaltige Pflanzungen. Naturgarten Verlag, Ottenhofen 2006.
Witt, Reinhard/Dittrich, Bernd: Blumenwiesen. BLV Verlag, München 1995.