Ein Garten für Zaunkönige
Dr. Reinhard Witt, D- Ottenhofen
Sie haben einen Vogel? Wir haben einen Garten! Sie sind nicht ganz normal? Wir auch nicht! Sie haben ja auch keinen „normalen“ Vogel, sondern einen Zaunkönig. Und wir haben ja auch keinen „normalen“ Garten, sondern einen Naturgarten. Sehen Sie, so unterschiedlich ist das gar nicht. Wir beide sind nicht ganz normal. Vielleicht, gemessen an Lifestyle und Mainstream, sogar ein bisschen verrückt. Doch durchaus noch im grünen Bereich. Ein bisschen Ornithologie und ein bisschen Gartenkunde, das könnte gut zusammenwachsen. Versuchen wir eine Synthese, aus den Augen eines Zaunkönigs auf Reisen.
Fangen wir mal mit Ihnen an. Am besten wäre, Sie wären leicht schusselig, vergesslich und im argem Maße unordentlich. So ein richtiger Versager in Sachen Korrektheit, das wäre recht. Natürlich gingen Sie auch als Erfolgsmensch mit null Zeit für Gartenfragen durch. Dann hätten sie nämlich die richtige Mentalität für den Zaunköniggarten. Der darf schon etwas verwildert, vergessen, stellenweise verloren sein. So einen Garten habe ich nämlich. Damit zu ihm: Jetzt ist noch Winter, und unser Zaunkönig grüßt mich jeden Morgen mit Schmetterruf vom Sumpfgraben, der manchmal auch ein Wassergraben ist, gefüllt mit Regenwasser vom Hausdach.
Dort wachsen Schachbrettblumen, Prachtnelke, Schwertlilien. Der
Zaunkönig aber turnt den ganzen Winter auf den zehn Metern Graben hin und her. Ich frage mich alltäglich aufs neue, was er zum xten Mal auf der gleichen Strecke noch findet? Er hüpft von Blatt zu Blatt, schlüpft unter trockene Stängel, hangelt sich halb über den Sumpf und singt dabei fröhlich wie ein Kind. Doch der kleine Kerl hält durch. Vielleicht liegt es am Asthaufen, er gibt ihm den Rest? So richtig hingeschmissen ist der. Hier dürfen Sie mal alles mit großer Geste hinfeuern und dabei an Ihren Chef denken. „Jawohl, ich hab die Faxen dicke, in diesem Saftladen, ich knall Euch den Krempel jetzt endgültig hin! Und tschüß!“ Uff, tut das gut. Je mehr Wut man beim Äste sammeln und werfen entfaltet, um so besser für den ungekrönten König. So kam ich zu mehr als einem Haufen. In unserem Garten modern (igittigittt!) mindestens sechs und mehr Asthaufen und Holzstöße, was nicht nur über mein Verhältnis zu Vorgesetzten Ausdruck gibt, sondern auch über die Zahl der Zaunkönigspaare, die ich kenne: sechs und mehr. So ein Asthaufen funktioniert als Dauerunterhaltungsprogramm. Sozusagen der Witt´sche Natur-TV. Unserer liegt genau vor dem Küchenfenster, was den ganzen Winter Unterhaltung garantiert. Doch unser flinker Asthaufenvagabund ist auch ein rechter Büschehuscher. Je dichter, je lieber. Dickichte gleich jeder Art sind ihm das Liebste. Seien es schnöde Brennnesseln (Huh, wie peinlich! Hätten Sie die nicht längst abmähen sollen?) oder die wilde Hecke. Eine Hecke für ein Königreich, eine Wildsträucherhecke ist sein drittliebster Platz. Bunt gemischt aus vielen Arten, möglichst dornig und unfrisiert, sprich richtig unaufgeräumt, das wäre es. Ein paar naturnahe Gartenrosen (sehr schön!) dürfen ruhig drin sein. Überaus nützlich auch Flechthecken aus
Gestrüpp, wie sie im Norden Deutschlands gang und gäbe sind: So genannte Reisighecken aus Astschnitt. Quasi Asthaufen im Längsformat. Hier kann man leben, Nester bauen und Sängerwettstreite ausfechten zur Frühlingszeit. Was er denn auch fleißig tut, der Winzling, an lauen Apriltagen hört man ihn mehr, als dass man ihn sähe. Perfekt: Merken Sie sich dies: Je mehr Zaunkönige Sie in ihrem Garten sehen, um so schlechter sieht der Garten für Ordnungsfanatiker aus. Das grüne Wohnzimmer Marke Putzteufel mögen Zaunkönige schlichtweg nicht. Zur Hecke gehört freilich ein bunter Wildblumensaum, heimische Wildnis, die zum Ausflug durchs Grüne dazugehört. Nicht zu vergessen die unversiegelten Naturwege mit allerlei eingesätem Wildwuchs am Rande, die beliebten Trockenmauern (da gibt es ja tausend Spinnenritzen und Ritzenspinnen!). Selbst der Kompost wird öfters genauestens inspiziert.
Stellt sich die Frage nach dem Nest, so ist Herr König auf Abwechslung bedacht. Gern nimmt er auch den Logenplatz im Fassadengrün an der Hauswand ein. Als Vorwand, in höchsten Ebenen zu verkehren. Nun ja, lassen wir ihm das Vergnügen und pflanzen noch heute Efeu und feinen Wilden Wein. Bevor es ein anderer tut! Damit Sie mein Naturell nicht ganz verkennen, nun noch was schönes: Blumenwiese, Blumenbeet und Blumenrabatte beschäftigen die Zaunkönige mitsamt der Brut unseren ganzen langen Sommer: Jeden Tag neue Exkursionen durchs Unterkraut, auf der Suche nach leckeren Asseln, knackigen Käfern, vorwitzigen . Damit sind die Zaunkönige sommers unseren Blicken entzogen. Gut so, denn wir wissen doch, was sie tun. Natürlich handelt es sich hier um echte Wildpflanzen aus heimischen Gefilden, gekauft von Wildpflanzenproduzenten des Naturgarten e.V. und nicht Pseudogrün und exotischen Pflanzenschrott aus dem Gartencenter. (Sie sehen, da kann ich richtig hässlich und radikal sein, ha!).
Zaunkönig zuliebe bleiben die Stängel der Wildblumenbeete den Herbst und Winter stehen. Genauso wie das Laub unter den Büschen als Hort heiliger Nahrung. Die Fressmeile. Zum Schluss noch: das Wildblumendach. Besonders im Winter (Na so was - ist das Jahr schon wieder rum?) sausen Zaunkönige durch die graubraune Pracht und manches Insekt, manche Spinne hatte sich die Winterruhe anders vorgestellt. Schicksal!
Tja, und vielleicht haben Sie irgendwo noch etwas ererbtes Gerümpel rumliegen? Gewiss zum lieb gemeinten Ärgern der Nachbarn, aber auch zum Wohle des fidelen Gesellen. Ein paar alte Bretter, höchst liederlich geschichtet, eine morsche Regentonne, Eimer und Büchsen, den vergessenen Stapel Dachziegel (Wollte den Onkel Fritz nicht mal holen?) oder den unaufgeräumten Schuppen, dessen Tür noch nie richtig schloss, der dafür voller Spinnweben steckt. Wir könnten Zaunkönigs keine größere Freude machen als mit solchen Sachen.
Na ja, klagen Sie, wir haben aber leider gar keinen Garten, sondern nur einen Balkon. Fragen Sie mal unsere Zaunkönige. Wie gern die in den Blumenkästen rumflirren, immer wieder, als würde dort jeden Morgen neu gedeckt. Das reinste Tischlein-deck-dich. Logisch, dass es sich hier um Dauerbepflanzungen mit heimischen Wildblumen handelt. Bei meiner Vergangenheit!
Das alles, gehört zur Zauberwelt unserer Zaunkönige, die ihnen überleben hilft – trotz vieler Schwierigkeiten dieser Erde. Mein Tipp: Am meisten tun Sie manchmal, wenn sie etwas lassen. Lassen Sie das Leben sein. Nehmen wir uns ein Beispiel am Zaunkönig. Klein, aber oho. Lustig schon im Morgengrauen und überzeugend in seiner Stimme, dass es einem die Sprache verschlägt. Und nicht unterzukriegen.
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