Nacktschnecken überlisten
Stefan Leszko, D – Unterpleichfeld
„Was tun Sie gegen Nacktschnecken?“ ist eine der häufigsten Fragen, die Gärtner sich untereinander zu stellen pflegen. Der Antworten sind viele - die radikalste Abwehrmethode besteht neuerdings darin, alle Schatten spendenden Gewächse zu beseitigen, das Gras unmittelbar über dem Boden abzurasieren und sämtliche potentiellen Verstecke, wie Stein- oder Reisighaufen, ordentlich zu beseitigen. Tatsächlich verschwinden dann alle Tiere aus dem Garten - bis auf die Schnecken. Weniger grimmige Möglichkeiten sind die altbekannten Bierfallen, das Absammeln, Aschestreuen usw. Sie reduzieren zwar nicht die Schnecken, befriedigen aber ein wenig die Rachegelüste des Gartenbesitzers. Man kann auch in seinem Garten indische Laufenten halten, die die Schnecken auffressen. Auch das Gemüse fressen sie auf - aber man kann nicht alles haben. Dass Schnecken Gemüsepflanzen vertilgen, daran hat man sich ohnehin schon gewöhnt. Wir selbst täten es auch, wenn uns die Schnecken etwas übrig ließen. Auch dass sie exotische Stauden meucheln, wäre noch hinzunehmen. Der Naturgärtner jedoch, der verweinten Auges vor den Überresten seiner frisch gesetzten heimischen Jungstauden steht, fragt sich vor allem eines: Wie nur schaffen es die Jungstauden in der freien Natur, sich der Schnecken zu erwehren, bzw. - noch viel wichtiger - warum schaffen sie es im Garten nicht?
Um dies zu beantworten, muss sich der Gärtner als Ökologe betätigen - oder mit anderen Worten - er muss sich in die Wechselbeziehungen zwischen den Arten vertiefen. Bei den Schnecken ist es nur eine, die rote ( gebietsweise auch schwarze ) Wegschnecke, zoologisch Arion ater, die dem Gärtner Kummer macht; alle anderen Schnecken sind als Pflanzenschädlinge unbedeutend. Eine Beschreibung der Wegschnecke dürfte hier überflüssig sein, interessanter ist ihr Lebenszyklus. Im Gegensatz zu den Gehäuseschnecken, die mehrere Jahre alt werden können, ist Arion ater sehr kurzlebig; ein Individuum erlebt maximal eine Saison. Die ausgewachsenen Tiere sterben im Herbst; nur die im Spätsommer geschlüpften Jungtiere überwintern, ohne dabei eine wirkliche Winterruhe zu halten. Bei Frost frieren sie unbeschadet ein, bei mildem Winter kriechen sie auch im Dezember oder Januar nachts herum. Im Aussehen unterscheiden sie sich stark von den adulten Tieren; sie sind meist hell beige oder grau gefärbt. Deshalb, und wegen der noch geringen Größe werden sie von vielen Menschen gar nicht als das, was sie sind, erkannt. In der Milde und Feuchtigkeit des zeitigen Frühjahrs leben sie dann richtig auf, wachsen sehr rasch, und bereits im April können einzelne Exemplare ihre volle Größe erreichen. Nun beginnen sie auch sich fortzupflanzen - die Eier werden nicht vergraben, sondern einfach an feuchten Stellen unter Gras oder Blättern abgelegt, und zwar den ganzen Sommer hindurch. Dieser menschenähnlichen Fruchtbarkeit können weder Kröten noch Igel Einhalt gebieten. Nur zwei Feinde können Arion ater wirklich reduzieren: Wärme und Trockenheit, nicht aber Frost. Dies an die Adresse jener Zeitgenossen, die einen widerwärtig kalten Winter mit „Wenigstens erfrieren die Schnecken“ entschuldigen wollen.
Was nun die Pflanzen betrifft, so besteht ihr Vorteil darin, dass es im Frühjahr noch keine ausgewachsenen Wegschnecken gibt. Deren Frühjahrsgeneration ist, wenn die Stauden austreiben, noch zu klein, um bereits Kahlfraß anzurichten. Für die Stauden gilt es nun, schnellstmöglich zu wachsen - schneller als die Jungschnecken - und das gefährliche Stadium des zarten Neuaustriebs baldigst hinter sich zu lassen. Für ausgewachsene, zähe Blätter und holzige Stängel haben selbst Wegschnecken nichts übrig. Ausgewachsene Pflanzen sind denn auch meist relativ sicher vor ihnen, es sei denn - und hier kommen wir zu einer zweiten wichtigen Grundregel - sie sind im Topf groß geworden. Ich habe oft beobachten müssen, wie frisch ausgepflanzte heimische Stauden von Schnecken regelrecht heißhungrig „angefallen“ wurden, während artgleiche, „eingeborene“ Pflanzen unberührt blieben. Folglich untersuchte ich, wodurch sich diese Pflanzen äußerlich unterschieden. Ein wichtiger Faktor ist zweifellos ein zu üppiges Topfsubstrat. „Verwöhnte“ Topfstauden haben oft wässriges und damit weicheres Gewebe, möglicherweise fehlen ihnen auch bestimmte Inhaltsstoffe, mit denen sich frei wachsende Stauden gegen Fraßschädlinge wappnen. Es verwundert daher nicht, dass vorkultivierte Prachtstücke aus Großgärtnereien meist weniger Widerstandskraft haben als karg gezogene Exemplare aus Biolandbetrieben.
Ein weiterer, unweigerlich tödlicher Faktor ist, wenn die Pflanze, an regionalen Maßstäben gemessen, für die Jahreszeit zu klein ist. Das passiert vor allem dann, wenn die Anzuchtgärtnerei in rauerem Klima liegt als der zukünftige Lebensraum. In diesem Fall können die Pflanzen das Wachstumswettrennen mit den Schnecken nicht mehr gewinnen. Wer zu spät kommt, den bestrafen die Schnecken, müsste die Lebensregel für Stauden lauten.
Ebenso ist selbstverständlich jede Art von Schwäche oder Krankheit gefährlich. Schnecken sind gewissermaßen die Hyänen unter den Wirbellosen. Sie spüren genau, wenn eine Pflanze kraftlos ist. Wenn unter zehn artgleichen Jungpflanzen nur eine angefressen wird, braucht man ihr daher nicht nachzutrauern.
Ist die Frühjahrshürde genommen, haben die Pflanzen es meist für den Rest der Saison geschafft. Blüte und Samenansatz finden „außer Reichweite“ der Schnecken statt, die Samenkeimung erfolgt, je nach Art, im Herbst, wenn die Hauptsaison der Schnecken vorbei ist, oder im zeitigen Frühjahr, bevor sie beginnt.
Fassen wir nun die Ergebnisse dieser Beobachtungen zusammen, so lassen sich folgende Regeln zur Auspflanzung heimischer Stauden in schneckenreichen Gärten aufstellen:
- Die beste Zeit für Neupflanzugen ist im Herbst nach dem Verschwinden der adulten Schnecken, hier im Maintal Ende Oktober bis Mitte November. Dies gilt vor allem für im Sommer gezogene Jungstauden, die noch kein starkes Regenerationspotential haben.
- Neupflanzungen im Frühjahr sind nur dann sinnvoll, wenn die Topfstauden mindestens so groß wie frei wachsende Artgenossen sind. Im Zweifelsfall ist es besser, sie den Sommer über im Topf zu behalten.
- Topf- und Kastenkulturen sollten stets möglichst karg kultiviert werden, um die Pflanzen abzuhärten. Zu nährstoffreicher Boden und übermäßiges Wässern sind unbedingt zu vermeiden.
- Achten Sie auf optimale Standortbedingungen. Die „Schneckenanfälligkeit“ von Licht liebenden Arten nimmt beispielsweise bereits an einem halbschattigen Standort rapide zu.
- Notieren Sie Beobachtungen zur „Schneckenempfindlichkeit“ der einzelnen Arten. Diese scheinen je nach Region recht unterschiedlich zu sein. Ich selbst habe z.B. die Staudenarten der Salvia-Familie als besonders gefährdet kennen gelernt. Dagegen bleiben bei mir, im Gegensatz zu den Literaturangaben, praktisch alle Erdorchideen weitgehend unbehelligt.
Beachtet man diese Grundregeln - wobei ein wachsames Auge für die jeweiligen Besonderheiten der Gegend natürlich hilfreich ist - so lässt es sich auch ohne nächtliche Taschenlampenjagden und exzessiven Bierverbrauch mit den Schnecken leben. Allerdings, in extremen Schneckenjahren kann es schon einmal zu sonst undenkbaren „Übergriffen“ durch die kriechenden Vielfraße kommen. Das abgelaufene Jahr 2000 war ein solches Jahr, in dem eine durch übermäßige Feuchtigkeit explodierte Nacktschneckenbevölkerung selbst vor Traubenhyazinthen, Schachbrettblumen und Tulpenblättern nicht halt machte. Solche, gottlob seltenen, Jahre muss man mit der Gelassenheit hinnehmen, die man hoffentlich aus jahrelanger Naturbeobachtung gewonnen hat. Dass die Zuflucht zu Schneckenkorn für einen Naturgärtner in jedem Fall tabu sein sollte, muss hoffentlich nicht extra betont werden.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine grimmig dreinschauende Dame, die ich bei einem Werkzeugkauf im Gartencenter traf. Nach einem Blick auf meinem grünen Arbeitsmantel fragte sie strengen Tones: „Haben Sie Schneckenkorn?“ Da ich auch werktags niemals Schneckenkorn bei mir zu tragen pflege, verneinte ich entschieden und sah zu meiner Genugtuung, wie die grimmige Dame schneckenkornlos das Gartencenter verließ.
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