Die Eidechsenburg
Tilman Sommerien, D-Donauwörth.
Was nützt der schönste Naturgarten, wenn er als Insellage von "besenrein" gefegten und geschnittenen Saubermann-Gärten umgeben ist. Wohl dem Naturgärtner, der dann wenigstens ein etwas größeres Areal besitzt ...
Als ich vor 11 Jahren zufällig Zauneidechsen in meinem ungepflegten Garten begegnete, weckten sie mein Interesse. In der Folgezeit begann ich Biotope anzulegen, anfangs eher naiv, später gezielt. Wenn man gut beobachtet, findet man bald heraus, was die Tiere mögen. Problematisch war von Anfang an die hohe Katzendichte in den Nachbaranwesen, von der auch mein Garten nicht verschont blieb.
Die Burganlage
Deshalb entwickelte sich das Bestreben, ein burgähnliches Biotop zu bauen und mit losem Maschendraht zu umgeben, der den Zugriff von Katzen auf die Echsen erschweren sollte. Das fast kreisförmige Areal von ca. 4,0 m Durchmesser enthält u.a. eine kleine, nach Süden ausgerichtete Trockenmauer. Deren Hinterfüllung ist mit größeren lückenhaft geschichteten Steinen ausgeführt als Winterquartier und kühles Rückzugsgebiet an sehr heißen Tagen. Obenauf liegen 2 - 3 Lagen Rundhölzer. An den Seiten sind größere Endstammstücke mit angeschnittenen Schrägen eingebaut und wild geformte Wurzelstücke. Weiter schließt sich ein Sandhügel an, der von großen Steinen eingefaßt wird, die etwas lückenhaft gesetzt sind. In diesen "Schluchten" buddeln die Eidechsendamen mit Vorliebe herum auf der Suche nach Eiablageplätzen. Nach dieser spärlich bewachsenen Sanddüne folgt das Herzstück: eine halbkreisförmige Holzmauer.
Die Holzmauer
Die Mauer besteht aus Hartholzstammstücken. (z.B. Eiche, Esche, Holunder, Apfel, Pflaume, Birne). Die Hölzer sind zwischen 30 und 50 cm lang und im Durchmesser ca. 8-15 cm dick. Die Stämme sind auf einem vorbereiteten Kiesbett aufgeschichtet. Die Hölzer sollen satt aufliegen und sind ca. 5 cm längenversetzt. Dadurch entstehen Vorsprünge oder Balkone, die bei den Echsen morgens bevorzugt als Liegeplätze genutzt werden. Die wichtigste Voraussetzung aber ist, daß die Stirnseiten der Hölzer in Ost -West-Richtung zu liegen kommen. Die Tiere sonnen sich morgens und abends.
Dazu suchen sie sich entsprechende Plätze, die man ihnen in dieser Holzmauer sehr gut anbieten kann. Auch die Sicherheit ist gewährleistet, denn bei Gefahr verschwinden die Tiere blitzschnell in den dreieckförmigen Hohlräumen zwischen den Stämmen. Wenn die Gefechtslage unklar ist, bleiben sie auch in diesen Verstecken, nur der Kopf schaut heraus, um die Umgebung aufmerksam zu beobachten.
Eidechsen sind, bedingt durch ihre wechselwarme Lebensform ausgesprochene Spezialisten im Einfangen von Sonnenwärme. Die Tiere legen sich nicht einfach irgendwie in die Sonne, nein, da wird versucht den ganzen Rücken rechtwinklig zur Sonne auszurichten. Deshalb sind einige Stammabschnitte schräg geschnitten (wie die Wurst beim Metzger), dann trifft die schräg einfallende Morgensonne direkt die Stammfläche. Ich habe schon Tiere beobachtet, die so oft Stellungswechsel vornahmen, bis endlich die direkte Linie zur Sonne gefunden war.
Keine Frage, daß bei diesem Angebot die Tiere zum Bleiben bewegt werden können.
Angaben für die Holzmaueraußenmaße: Höhe ca. 1,30 m, Länge ca. 3,0 m.
Für 1 qm Mauer benötigt man ca. 50 Stammstücke verschiedener Durchmesser. Als seitliche Begrenzung könnte man eine Trockenmauer anschließen oder einen formschönen Totholzstamm im Kiesbett fest versetzen.
Löcher ohne Ende
Die Stammstirnseiten können noch für Bohrungen genutzt werden, die für Wildbienen als Brutröhren Verwendung finden. Dazu bohrt man in die Stirnseiten waagerechte Löcher von 3. 4. 5, 6, 8 und 10 mm Durchmesser. Da die Löcher 9 cm tief sein sollen, benötigt man längere Bohrer. Ungeeignet sind die üblichen Bastler-Holzbohrer mit Zentrierspitze aus dem Sonderangebot. Da braucht man Metallbohrer bester Qualität, die nicht abbrechen. (Von den kleinen gleich 2 oder 3 Stück besorgen!) Aussichtslos sind auch Versuche, diese Arbeit mit Akku-Geräten zu bewältigen. Hier muß die elektrische Bohrmaschine ran. Es lohnt sich, denn immerhin sollte man schon über 200 Löcher gemischt in allen Größen bohren. Ganz wichtig ist, dass keine Bohrspäne im Bohrloch verbleiben. Die Bienen wollen ihr Ei ablegen und nicht noch Putz - und Räumarbeiten übernehmen. Idealerweise bohrt man die Löcher im Herbst. Macht man das erst im April, fliegen die Nutzer schon ungeduldig um einen herum. Meist kommen gerade die Tiere, für die die Lochgröße nicht paßt, die man gerade bohrt. Wer glaubt, dass die 3mm-Hochleistungswildbiene das 5 mm-Loch bezieht, der irrt. Das Loch wird kurz untersucht, als zu groß erkannt und weiter gehts zum nächsten Loch.
Für Insekten, die mit nichts zufrieden sind, kann man Holunderschösslinge anbieten, ca. 20 mm dick und entsprechend lang zwischen die Holzmauerstämme schieben. Die Nutzer können sich dann ihre exklusive Sondergröße selbst aus dem weichen Mark nagen.
Pflege muss sein
Da die Holzstämme trocknen und schwinden, wird die einst fest gefügte Mauer mit der Zeit locker und steht auch nicht mehr lotrecht. Dann muß man zum Teil die Mauer abtragen und wieder neu schichten. Ein kleiner Vorrat von Stammabschnitten ist dann von Vorteil. Es ist sinnvoll, die Rinde von den Stämmen nicht zu entfernen (nur wenn sie völlig lose ist). Zum Einen verrutschen die Stücke nicht so leicht und zum Anderen sind die Echsen ganz happy wenn sie ihre Außenhülle wechseln und zwischen den Stämmen das alte, zu enge Kleid an der rauhen Rinde abstreifen können.
Der erwähnte obligatorische Sandhaufen muß bewuchsfrei gehalten werden. Außerdem ist es zweckmäßig, die Vegetation im Biotop nicht zuwuchern zu lassen. Zwar finden sich die Eidechsen in einem "Hochwald" aus Gräsern und Stauden noch ohne Kompaß zurecht, aber die Sonnenlichtverhältnisse verändern sich schnell sehr stark, das Biotop ist für die Tiere dann nicht mehr attraktiv. Abwanderung droht!
Menschen und Echsen
Wenn Eidechsen im Garten existent sind, ist es tabu, tagsüber Mäharbeiten vorzunehmen. Das geht ohne Gefahr für Leib und Leben (der Echsen) nur frühmorgens, wenn die Tier noch nicht munter sind bzw. sich aufwärmen. Gut geeignet sind kühlere bewölkte oder regnerische Tage. Da geht man bei Eidechsens erst gar nicht vor die Tür. Wer hastige Bewegungen vermeidet, den Tieren nicht nachstellt, um sie einzufangen und die Fluchtdistanz einhält, kann diesen Abstand nach und nach verringern. Echsen sind sehr neugierig. Wer von April bis September im Biotop werkelt, Löcher bohrt usw., steht mit Sicherheit unter nicht ganz wohlwollender "Beobachtung".
Wer einer Eidechse Aug in Aug gegenübersteht, sollte darüber nachdenken, daß der Mensch die Erde nicht beherrschen würde, wenn nicht eine kosmische Katastrophe die Vorherrschaft von Echsens Vorfahren beendet hätte. Ansonsten säßen wir vielleicht im Biotop oder in der Speisekammer von Tyrannosaurus Rex?
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